Wien. "Du musst unsichtbar werden. Dafür musst du dünn sein. Dünn sein ist wichtiger als gesund sein." So lautet das erste der zehn Gebote. Weiter geht es mit: "Du sollst nicht essen, ohne dich schuldig zu fühlen." Und: "Die Waage ist das Wichtigste, und du sollst sie ehren." Diese Gebote haben die Anhänger von "Pro Ana" aufgestellt: eine Bewegung im Internet, die für "Pro Anorexie" steht. Die also Magersucht idealisiert und mit radikalen Tipps dazu verhelfen will.

7500 Österreicher unter 20 leiden derzeit an Bulimie (Ess-Brech-Sucht) oder Anorexie. Bis zu 97 Prozent sind weiblich - und viele sehr jung. Nicht einmal die Hälfte der unter 16-Jährigen ist mit seinem Gewicht zufrieden: Bei einer im Vorjahr durchgeführten Studie stimmten nur 42 respektive 42,5 Prozent der 13- und 15-Jährigen dieser Frage zu.

Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) präsentierte daher am Donnerstag in Wien ihre Strategie im Kampf gegen die "Pro-Ana/Pro-Mia"-Bewegung (für Magersucht/für Ess-Brech-Sucht): Sie setzt vor allem auf Prävention. "Ana und Mia sind keine Freundinnen, sie sind eine Krankheit."

Kennzeichnungspflicht bei retuschierten Bildern möglich


"Pro-Ana/Pro-Mia" glorifiziere Bulimie oder Anorexia als erstrebenswerten Lebensstil. Ein wichtiger Schritt sei, Eltern für diesen "Trend" zu sensibilisieren und ein gesundes Körper- und Selbstbewusstsein zu entwickeln. "Frauen definieren sich immer noch über ihren Körper", so die Ministerin. Verbote gewisser Formate, die ein gefährliches Schönheitsbild vermitteln, und Kennzeichnungspflicht bei retuschierten Bildern schließt Karmasin nicht aus. In Seminaren und Workshops soll Medienkompetenz vermittelt werden. Eltern sollen darin geschult werden, Warnsignale besser zu deuten. Eine Anlaufstelle soll ihnen den Druck, die Hintergründe und Machtverhältnisse in Foren, Social Media und WhatsApp-Gruppen verständlich machen.

Damit sich Kinder und Jugendliche von den Schönheitsidealen distanzieren und ihr Selbstbewusstsein stärken, startet das Familienministerium im Jänner 2016 die Workshopreihe "body.talks". Dabei werden Körperwahrnehmung und Ernährung im Zusammenhang mit digitalen Medien mit Jugendlichen thematisiert. Dazu gehören zum Beispiel auch die eingangs erwähnten "Abnehmhilfen" im Netz.

Zuletzt hatte auch Frauenministerin und SPÖ-Frauenvorsitzende Gabriele Heinisch-Hosek auf Maßnahmen gegen den "Schlankheitswahn" gepocht und rund 1700 Frauen zu dem Thema befragt. 90 Prozent plädierten für den Vorschlag, dass Models ein gesundes Mindestgewicht haben sollen. Eine weitere Maßnahme wären Schaufensterpuppen in realistischen Kleidergrößen.

Ist man einmal an Bulimie oder Anorexie erkrankt, bestimmen die Gedanken ans Essen respektive Nicht-Essen das Leben, sagt Andreas Karwautz, Leiter der Ambulanz für Essstörungen im Kindes- und Jugendalter am AKH Wien, zur "Wiener Zeitung". Ein Reiscracker oder ein paar Weintrauben. Mehr sei es nicht, was Betroffene pro Tag zu sich nehmen. 200 Kilokalorien, am liebsten noch weniger. Dazu Abführmittel und entwässernde Medikamente. Manche wiegen sich alle halben Stunden ab, sogar nachts. Was sie im Spiegel sehen, ist ihrer Ansicht nach immer noch zu dick. Manche betreiben Sport, bis sie völlig erschöpft sind. "Einer meiner Patienten machte 1000 Sit-ups täglich", so Karwautz.

Der Weg aus der Magersucht sei ein steiniger. Die Therapie sei ein langwieriger Prozess, in den auch Familienmitglieder involviert sein sollten. Magersucht tritt bei Jugendlichen am dritthäufigsten nach Fettleibigkeit und Asthma chronisch auf - sie ist die tödlichste psychische Erkrankung in den Industriestaaten.