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Wien. Ein junger Mann schreibt in einem sozialen Netzwerk, sein Handy sei von einer "Türkenbande" gestohlen worden. Kurz darauf erhält er eine Nachricht von einem rechtsextremen Netzwerk, das ihn in seiner Wut und Entrüstung bestärkt.

Rechtsextreme und radikalislamistische Gruppen verfolgen in den sozialen Netzwerken ähnliche Strategien. Sie sprechen Jugendliche gezielt und persönlich an, nutzen ihren gekränkten Stolz und bieten ihnen eine Alternative: einen festen Platz in einer Gemeinschaft mit klaren Regeln und Werten. Sie nutzen dabei bevorzugt soziale Medien wie Facebook und Twitter. Dort sind junge Menschen sehr empfänglich, und wenn sie einmal hineingezogen wurden, ist es nicht leicht, sie auch wieder herrauszuholen.

Von immer mehr persönlichen Anwerbeversuchen in sozialen Netzwerken berichtet das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW). Das ist auch insofern fatal, als soziale Netzwerke mittlerweile häufig die erste und einzige Informationsquelle für Jugendliche sind. In Deutschland sind laut einer Studie 94 Prozent der 14- bis 29-Jährigen in einem sozialen Netzwerk aktiv, die meisten auf Facebook. Hier lernen sie den traditionellen Medien, "der Lügenpresse", zu misstrauen, auf ihren Facebook-Timelines werden apokalyptische Szenarien heraufbeschworen, erzählt Andreas Peham vom DÖW.

Angst vor der realen Welt

Peham geht seit 20 Jahren in Schulen, um präventiv gegen Radikalisierung anzukämpfen. Er berichtet, die Untergangsszenarien seien längst in den Klassenzimmern angekommen. In einigen Fällen geht das sogar so weit, dass Jugendliche sagen, sie würden sich nicht mehr auf die Straße trauen. Soziale Medien seien das optimale Werkzeug zur Verbreitung extremistischer Botschaften, sagt Peham: Die Komplexität der Welt wird reduziert, Verschwörungstheorien können hundertfach verbreitet werden. In Österreich hat jeder Nutzer im Durchschnitt 350 Facebook-Freunde, weltweit nutzen 1,5 Milliarden Menschen Facebook.

Der Name "soziales Medium" wird ad absurdum geführt, denn im Fall der Radikalisierung wird es zum Rückzugsort aus der realen Welt, an dem Ängste verstärkt werden und Hass geschürt wird. Diese Mischung findet oftmals ihr Ventil in Form von anonymen Hasspostings. "Es ist eine virtuelle Masse, die durch Feindbilder zusammengehalten wird, in der eigene Gesetze, Werte und Wahrheiten gelten", sagt Peham.

Kommen Jugendliche mit dem Islamischen Staat (IS) in Berührung, wird ihnen das Gefühl vermittelt, bedeutsam zu sein. Dafür werden vom IS hunderte Stunden aufgewendet. Schritt für Schritt wird persönliche Nähe hergestellt, um junge Menschen zum Mitmachen zu bewegen. Drei von vier IS-Jüngern werden in Europa von Freunden angeworben.

Diese Erkenntnisse fußen auf Forschungen des US-Anthropologen Scott Atrans. Er ist einer von wenigen Wissenschaftern, der Interviews mit jungen IS-Anhängern im Irak und in Europa geführt hat. Er beschreibt IS-Sympathisanten in Europa als Jugendliche in einem Zwischenstadium: Eine Liebesbeziehung ist zu Ende gegangen, sie wollen das Elternhaus verlassen oder sie befinden sich zwischen Schule und Jobsuche, immer aber auf der Suche nach Weggefährten und Signifikanz im Leben.

"Die meisten von ihnen haben keine traditionelle religiöse Bildung, und wenn sie infolge ihrer radikalen Ansichten aus der Moschee ausgeschlossen werden, ist die Warhscheinlichkeit, dass sie sich der Gewalt zuwenden, am größten", sagte Atrans in seiner vielbeachetten Rede vor den Vereinten Nationen im April 2015. In dieser skizzierte er auch Parallelen zwischen dem aufkeimenden Faschismus vor dem Zweiten Weltkrieg und der heute gelebten Xenophobie: "Fremdenfeindliche Nationalisten und militante Dschihadisten beginnen die europäische Mittelklasse zu destabilisieren, ähnlich dem Faschismus und Kommunismus in den 1920er und 1930er Jahren."

Im heutigen Extremismus sieht er nicht das Wiederaufflammen von Traditionen, sondern ihren Kollaps: Die jungen Menschen hätten sich von Traditionen freigemacht und suchten nun eine Identität, die ihnen Bedeutung und Ruhm verspricht. Das erkennt man auch daran, dass der Lebensstil der meisten Terroristen und IS-Anhänger eher westlich als traditionell-muslimisch ist.

Seit etwa drei Jahren sind Facebook, Twitter und Co. die Anlaufstellen für IS-Propaganda, sagte der Autor und Journalist David Thompson, der IS-Kämpfer aus Frankreich interviewt hat. Ab 2012 fanden sich auf Facebook Fotos von Franzosen, die Kalaschnikows in die Kamera hielten und ihre Freunde aufforderten, ihnen zu folgen.

Verliebt in einen IS-Kämpfer

"Das geschah alles ein wenig selbstgebastelt, man hat halt seine Facebook-Freunde in den Krieg nachgeholt", sagte Thompson dem deutschen Wochenmagazin "Spiegel". Vor allem für junge Frauen beginnt die Kontaktaufnahme mit dem IS oft vor dem Computer, beschrieb Thompson: "Viele junge Frauen verlieben sich über Skype in einen Kämpfer in Syrien, zu dem sie dann reisen."