Das Haus der Natur hängt auf einer eiszeitlichen Klippe. - © Simmerstatter
Das Haus der Natur hängt auf einer eiszeitlichen Klippe. - © Simmerstatter

Salzburg. Zuerst stößt man auf eine zehn Meter dicke Schotterplatte. Und dann auf eine Schicht aus plastischem Seeton, die bis zu 120 Meter mächtig sein kann: Die Stadt Salzburg wurde auf einem extrem instabilen Untergrund erbaut. Sie sinkt daher stetig - und zwar um ein bis zwei Millimeter pro Jahr. Salzburg liegt heute um rund sieben Zentimeter tiefer als noch vor 50 Jahren.

Das Haus der Natur auf dem Mönchsberg droht dadurch zu zerreißen. Bergseitig am Felsen hängend rutscht es straßenseitig immer tiefer. Dem Landesgeologen Rainer Braunstingl zufolge zieht bereits ein tiefer Riss quer durch die Stockwerke des Hauses. Einige Fugen seien so breit, dass eine Männerfaust hineinpasse. So mancher Schaukasten lasse sich aufgrund der Verschiebung nicht mehr schließen. Die Stadt hat nun umgehend reagiert und vorerst zwei Millionen Euro für die Stabilisierung des Hauses der Natur zur Seite gelegt.

Spione in Haarrissen


"Aus Sicherheitsgründen", sagt Bürgermeister Heinz Schaden zur "Wiener Zeitung". Das gesamte Salzachufer sei instabil, auf der Altstadtseite gebe es immer wieder Senkungserscheinungen. Die Salzach selbst fließe heute tiefer als früher, und auch das Grundwasser sei gesunken. In die Haarrisse in den Gebäuden habe man Spione gesetzt: Glasplättchen, die entweder weiter in den Riss hineinfallen oder zerbrechen und somit Bodenbewegungen anzeigen.

Da das Haus der Natur - Salzburgs Naturkunde- und technisches Museum - zu einer Hälfte der Stadt und zur anderen dem Land gehört, müsste Letzteres die Hälfte der Stabilisierungskosten übernehmen. Beim Land habe man allerdings noch keine Rücklagen bilden oder Vorsorge treffen können, weil das derzeit aufgrund der finanziellen Situation unmöglich sei, heißt es aus dem Büro des Finanzreferenten.

Gefahr sei zwar nicht in Verzug, man sei aber nicht gefeit davor, "dass es irgendwann ,Rumms’ macht und etwas einstürzt", sagt Braunstingl. Um niemanden zu gefährden, werde die Situation konstant überwacht, betonen Braunstingl und Norbert Winding, der Direktor des Hauses. Rund zwei Dutzend Messpunkte seien zu diesem Zweck installiert.

Aus Senkungen im Millimeterbereich können nämlich plötzlich Meter werden. Wie bei der Markuskirche am Fuße des Mönchsbergs. "Da hat es in den 70er Jahren einen Ruck gegeben, und es hat die Fassade zerrissen", sagt Braunstingl. "Der Mittelteil stand danach schräg."

Auch das Haus der Natur, das im von Fischer von Erlach im 18. Jahrhundert errichteten Ursulinenkloster untergebracht ist und unter Denkmalschutz steht, musste bereits im Jahr 2009 umfassend saniert werden. Damals wurde das ehemalige Museum Carolino integriert. Aus den veranschlagten Kosten von sechs Millionen Euro wurden schließlich 21 Millionen. Unter anderem deshalb, weil man den Untergrund mit Betonspritzen stabilisieren musste. Durch die Sanierung und die damit verbundene, detaillierte Analyse des Bodens wurde man sich Bürgermeister Schaden zufolge der Tragweite der Situation bewusst. Und dessen, dass weitere Maßnahmen notwendig sind.

Eine effektive, allerdings kostspieligere Möglichkeit zur Stabilisierung wäre, Betonpfähle in das tiefer liegende, feste Gestein zu stecken und eine tragende Konstruktion darauf zu errichten, sagt Geologe Braunstingl. Der Salzburger Hauptbahnhof etwa steht auf solchen Betonpfählen. Genauso wie das Festspielhaus oder das Justizgebäude hat er sich in den vergangenen Jahrzehnten bewegt, sodass Geologen schon seit längerem an etwaigen Sanierungsmethoden tüfteln. Das besonders Kritische an diesen Gebäuden ist, dass sie nur zu einem Teil auf dem instabilen Seeton stehen und der Rest auf einer dickeren Schotterschicht ruht. Sie setzen sich daher ungleichmäßig schnell, was zu Rissen führt.

Gletscher im Salzburger Becken


Schuld an all dem ist die letzte Eiszeit. Damals, vor 115.000 bis 10.000 Jahren, war das gesamte Ostalpengebiet von gewaltigen Gletschern überzogen. Der rund 600 Meter dicke Salzachgletscher formte das Salzburger Becken - als er schmolz, zerfurchten die Flüsse das Gestein, und im Zentrum bildete sich ein See, der sich mit feinkörnigen Ablagerungen füllte: dem Salzburger Seeton. Die Stadt ist also eigentlich ein mit Seeton gefüllter Canyon. Der Mönchsberg ist eine Insel im Becken. Das Haus der Natur hängt auf einer Klippe.