Wien. Präsident Benno Schinagl hat auf diese Frage gewartet. Was muss einer wie er mit ins Amt bringen? Jetzt lehnt er sich in seinem Fauteuil nach vorne und hebt für jede Antwort einen anderen Finger. "Erstens", sagt Schinagl - Halbglatze, weißer Vollbart, Trachtenjanker - "muss er Menschen zusammenhalten können". Der Zeigefinger schnellt nach oben. "Zweitens, man braucht ein hohes Maß an Diplomatie." Mittel- und Ringfinger sind noch übrig. "Drittens, das Amt erfordert gute Kontakte zu allen Ebenen im Staat." Der 58-Jährige lehnt sich zurück. "Nur die Ideologie", sagt er, "die spielt eine nachrangige Rolle."

Das Büro des Präsidenten liegt im leerstehenden Flügel einer Kuranstalt. Drei Stockwerke darunter sprudelt Thermalwasser in ein Becken. Vor der Tür schmilzt der Schnee der oberösterreichischen Gemeinde Gallspach. Schinagl ist Präsident des oberösterreichischen Kameradschaftsbundes, des größten Veteranenverbandes im Bundesland. Hinter ihm lehnt eine gelbe Fahne aus der Kaiserzeit. "Die Restaurierung hat 30.000 Euro gekostet", sagt er. Daneben hängt eine Vitrine, in der Medaillen und Abzeichen mit rot-weiß-roten Maschen auf Samt gebettet sind, als wären sie kleine Schmuckstücke. Wenn einer der 30.000 Funktionäre in Oberösterreich ausgezeichnet werden soll, klingelt Schinagls Telefon. Sein Verband ist eine Art "Staat im Staat" -mit Wahlen, autonomen Ortsgruppen, einem Schiedsgericht und einem Finanzminister. 1000 Euro monatlich erhält der Präsident für sein Amt.

In Österreich gibt es aktuell rund 122.000 Vereine. Der größte Teil davon fällt in den Bereich Sport. Auch Kulturvereine für Musik, Gesang oder Theater und Sparvereine sind häufig. Die Zahl der Vereine hat sich seit den 1960er Jahren von 40.000 verdreifacht. Heute sind drei von vier Österreichern Mitglied in zumindest einem Verein. Nicht alle werden von einem Präsidenten geführt. Je jünger und urbaner die Vereinigung, desto eher steht ein "Obmann" oder "Vorsitzender" an der Spitze. Präsidenten leiten aber nicht nur Vereine, sie bestimmen auch über die Geschicke von Kammern und Interessenvertretungen, von NGOs und staatlichen Institutionen. Nationalrat, Nationalbank und Verfassungsgerichtshof; Landwirtschaftskammer; Industriellenvereinigung und ÖGB; Rotes Kreuz, Caritas oder der ÖAMTC; sie alle werden von einem Präsidenten angeführt.

"Die österreichische Neigung zu Präsidenten könnte mit der langen Tradition des Adels hierzulande zusammenhängen", sagt die Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle. Ihr Kollege Anton Pelinka bezeichnet die Amtsträger gar als "Ersatzmonarchen". In den USA etwa seien derart viele nebeneinander existierende Präsidenten aus dem politischen Spektrum nicht vorstellbar. Ein österreichisches Spezifikum ist zudem die parteipolitische Nähe vieler Präsidentenämter. "Vereine und Verbände wurden hier oft entlang politischer Lagergrenzen gegründet", sagt Pelinka. Ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert begann eine zunehmende Organisation gesellschaftlicher Milieus. Auf katholische, bürgerlich geprägte Vereinigungen folgten oft Gegengründungen der Arbeiterbewegung. Die Folge: "Während die USA oder Deutschland heute einen Autofahrerclub haben, hat Österreich zwei", erläutert Pelinka. Als Gegenstück zum schwarzen ÖAMTC wurde der rote ARBÖ gegründet. Zu ähnlichen Gegenspielern wurden das katholisch geprägte Rote Kreuz und der aus der Arbeiterbewegung entstandene Samariterbund, der ÖVP-nahe Alpenverein und die SPÖ-nahen Naturfreunde, die schwarze Sportunion und der rote ASKÖ.

Der mehrfache Kickbox-Welt- und Europameister Levente Bertalan ist der Präsident des Wiener Landesverbands für Kick- und Thaiboxen.
Der mehrfache Kickbox-Welt- und Europameister Levente Bertalan ist der Präsident des Wiener Landesverbands für Kick- und Thaiboxen.

Der oberösterreichische Kameradschaftsbund gehört zu den Vereinen der schwarzen Reichshälfte -auch wenn die Funktionäre das gerne herunterspielen. Hauptsponsor ist die Raiffeisenbank und der Großteil der Inserate in der Mitgliederzeitung wird von der ÖVP geschaltet. Landeshauptmann Josef Pühringer ist Ehrenmitglied, Ex-Innenministerin Johanna Mikl-Leitner gern gesehener Gast auf Veranstaltungen. Oft bekommt Schinagl zu hören, dass sein Verein "altfadrisch" oder "rechts" sei. In den Statuten wird der ÖKB zwar als "friedensstiftend" tituliert, die alten Symbole, Medaillen, Uniformen und Fahnen sind aber geblieben.

Wäre der Kameradschaftsbund eine Partei, dann hätte sie ihren ursprünglichen Wähler verloren: Den kleinen Soldaten, der vom Schlachtfeld heimkehrt und von Vater Staat allein gelassen wird. Um 1850 wurden die ersten Veteranenverbände gegründet. Sie galten als soziales Sammelbecken für oft schwer traumatisierte und invalide Soldaten. Die Kameraden erinnerten an ihr Schicksal, indem sie Denkmäler und Gedenktafeln errichteten. "Krieg ist die Krankheit eines Staates", sagt Schinagl heute in seinem Büro. Die Worte passen nicht ganz zur Kulisse. Hinter ihm hängt das Notenblatt eines Marsches, daneben das Porträt eines Soldaten, der seinen verwundeten Kameraden stützt. Auf einigen Abzeichen, die er an Veteranen vergibt, ist eine Waffe abgebildet. Ein Lanzen-artiger Fahnenmast in Schinagls Büro ist so hoch, dass seine Spitze die Decke zerkratzt. Ist Schinagl ein Pazifist? Und wenn ja, warum erinnert sein Büro an das eines preußischen Kriegsherren?