Schinagl wird im oberösterreichischen Braunau geboren. Seine Kindheit verbringt er am Bergbauernhof seines Großvaters, der passionierter Jäger ist. Er erzählt ihm seine tragische Lebensgeschichte: Im Ersten Weltkrieg verliert er seine Brüder, im Zweiten drei seiner Söhne. Nach der Hotelfachschule will Schinagl die Welt sehen. Nicht die schöne, sondern die hässliche. Er geht als UNO-Blauhelm nach Syrien. Er patrouilliert in Schutzzonen, schreibt Berichte für den Sicherheitsrat in New York und trifft Menschen in Jordanien, Israel und im Libanon, die Ratten braten, um zu überleben. Nach einem Jahr dann eine völlig andere Welt in Oberösterreich: Menschen, die teure Weinflaschen kaufen und Hotels sammeln, wie andere Briefmarken. Irgendwann wird Schinagl selbst erfolgreicher Gastronom, später Vizebürgermeister für die ÖVP. Er droht sich zu überarbeiten, verkauft seine Betriebe, lässt sich scheiden, geht auf Kur in die örtliche Heilanstalt.

Heute sitzt er in seinem vollgeräumten Büro und erzählt von den zwei Lektionen, die er aus seinem Leben gelernt hat. "Ein Kriegerdenkmal", sagt Schinagl, "ist ein Zeichen der Demokratisierung". Es führt einer Generation, die nie mit Krieg in Kontakt kam, vor Augen, was in Zukunft verhindert werden muss. Und Lektion zwei: "Eine schwache und ängstliche Gesellschaft lässt sich leichter in einen Krieg drängen." Am Balkan wächst heute eine solche Jugend heran, glaubt Schinagl. Ihr fehlt die europäische Perspektive, eine funktionierende Demokratie und saubere Politik. Und plötzlich sagt der Präsident etwas, das dem treuen Inseratenkunden ÖVP gar nicht gefallen würde: "Mit Obergrenzen und Zäunen drängen wir die Balkanländer nur noch mehr in eine desolate Situation. Haben wir nichts aus all den Kriegen gelernt?"

Im Souterrain


In einem Kellergewölbe neben den Schnellbahngleisen reckt Rocky Balboa die Faust in die Höhe. Es sind nur ein paar Stufen hinunter ins Souterrain, da begegnet man ihm schon. Draußen regnet es in Strömen, drinnen hängt der Geruch von Schweiß und Plastik in der Luft. Sie ist so feucht, dass die Brillengläser beschlagen. Rote Ziegelsteine an der Decke, große Spiegel, Neonröhren. An den Wänden: Schlagpolster, Medizinbälle, Kettlebells. Auf den Matten darunter tänzeln die Kämpfer und schlagen zu. Sie geben ein martialisches Bild ab, mit ihren Helmen und Schienbeinschonern aus Kunststoff.

"Das Training hier im Keller ist wirklich ein bisschen wie bei Rocky Balboa", sagt Levente Bertalan, als er am Plakat des Film-Boxers vorbeigeht, das über der Stiege hängt. Er weiß, wovon er spricht, denn er hat die Filme der Reihe unzählige Male gesehen. Auch Rocky selbst trainierte unter der Erde, wenn auch in einem etwas heruntergekommenen Viertel von Philadelphia. Und nicht hier, im beschaulichen Wiener Bezirk Landstraße. Bertalan ist zweifacher Welt- und dreifacher Europameister im Kickboxen. Staatsmeister wurde er 13 Mal. Vor zehn Jahren gründete er mit einem Kollegen seinen Verein Team Tae-Kibo. Und seit eineinhalb Jahren ist der 32-Jährige auch einer der jüngsten Präsidenten Österreichs. Als solcher leitet er den Wiener Landesverband für Kick- und Thaiboxen, dem 22 Vereine angehören. "Ein Ehrenamt", sagt Bertalan, blonde Haare, hochgewachsen, freundliches Lächeln. Wer sich in Österreich als Funktionär für das Kickboxen engagiert, muss es lieben.

Bertalan ist Sohn ungarischer Rumänen und wurde in Siebenbürgen geboren. Als er sieben war, zog die Familie nach Oberösterreich, wo er die HTL absolvierte und eine Lehre als Maschinenschlosser machte. Mit neunzehn übersiedelte er nach Wien. Zum Kampfsport kam der Kickboxer, wie so viele in der Szene, über einen Kinohelden. Denn noch öfter als die "Rocky"-Reihe hat Bertalan die Filme von Jean-Claude Van Damme gesehen, der mit Actionspektakeln wie "Street Fighter" zum Star wurde. Es war "Karate Tiger 3", einer seiner frühen Filme, den Bertalan als Halbwüchsiger gebannt vor dem Fernseher verfolgte. "Dann bin ich mitten in der Nacht aufgewacht und wusste: Ich will Kickboxer werden." Bald beginnt er zu trainieren, es folgen ein erster Staatsmeistertitel, Turniere in ganz Europa und den USA. Bis heute gewann der Sportler mehr als 600 Kämpfe.

Doch vom Kickboxen kann in Österreich niemand leben. Auch nicht ein 13-facher Staats- und zweimaliger Weltmeister. Im Brotberuf arbeitet Bertalan als Projektleiter für eine Firma, die rund um den Globus Opern und Theater mit Stahlkonstruktionen beliefert. "Momentan bauen wir das Opernhaus in Sydney um", sagt er. Auch das Image des Kampfsports ist eine Baustelle des Präsidenten: Man lernt in der Halle eine Kampfdisziplin, damit man sich auf der Straße besser schlagen kann, lautet ein oft bemühtes Klischee. Viele Kampfsporttrainer setzen aber auf den umgekehrten Effekt: Wenn die Jungen sich im Sport beweisen können, holt man sie von Problemen auf der Straße weg. Kampfsport als Ventil. Auch von diesem Zugang will Bertalan das Kickboxen wegbringen. Zumindest in seinem eigenen Verein, der mit knapp 300 Mitgliedern der größte Wiens ist. "Wir haben Mitglieder im Alter von 3 bis 63, machen Kurse in Kindergärten, Schulen und an der Uni."

Zu den Aufgaben des Präsidenten gehört es, die verschiedenen Zugänge im Verband unter einen Hut zu bringen. Und sonst? Das jährliche Fördergeld aufteilen. Den Verband nach außen vertreten. Die Bedürfnisse der Vereine ausloten. Ein guter Präsident müsse "neutral zuhören und ein Ohr für die Leute haben", sagt Bertalan. Vor zwei Jahren hat er sich gemeinsam mit seinen Freunden aus dem Team Tae-Kibo einen Traum erfüllt. In Japan drehten sie einen zehnminütigen Kurzfilm. Mit akrobatischen, professionell gemachten Martial-Arts-Szenen, wie in den großen US-Vorbildern. "The Dojo" heißt das Werk, so wie die Tempel, in denen japanische Kampfsportschüler mit ihren Meistern trainieren. Ein Team flog für die Dreharbeiten nach Tokio, 80 Leute waren am Projekt beteiligt. Eine Fortsetzung als Langfilm ist in Planung. Was ist die Vision? "Ich habe zufällig jemanden kennengelernt, der mit Jean-Claude Van Damme einen Film dreht", sagt Bertalan. "Der Gipfel wäre natürlich, wenn sich der Kreis schließt. Wenn ich mit dem arbeiten würde, wegen dem ich mit Kampfsport begonnen habe." Ein Dreh mit dem Idol seiner Jugend also. Oder mit Rocky Balboa.