Wien. "Demenz war früher ein Fremdwort", sagt Helga Müller-Finger, Stationsärztin der Demenzstation des Pflegewohnhauses Rudolfsheim-Fünfhaus in Wien. Sie arbeitet seit 36 Jahren mit Demenzkranken und erinnert sich noch gut an ihre Anfänge als Turnusärztin in einem Pflegeheim. "Die Hälfte der Patienten lag mit Dauerkatheter im Bett und starrte an die Decke", schilderte Müller-Finger am Dienstagabend bei einer von der "Wiener Zeitung" und der Diakonie Österreich veranstalteten Podiumsdiskussion. Seither habe sich viel getan, aber es sei immer noch viel zu tun. Die psychosoziale Komponente müsse verstärkt werden, pflegende Angehörige müssten noch stärker unterstützt werden.

Bücher wie "Der alte König in seinem Exil" und Filme wie "Die Auslöschung" haben dazu beigetragen, dass über Demenzkranke gesprochen wird. Doch noch wichtiger, als über sie zu reden ist, mit ihnen zu reden, auf sie einzugehen und sie nicht wie unmündige Kinder zu behandeln, so der Grundtenor der Veranstaltung.

Dement, aber nicht dumm


Die Betroffenen würden leider meist weniger unter ihrer Krankheit leiden als darunter, wie mit ihnen umgegangen werde, so Maria Katharina Moser vom Institut für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie.

Wenn zwei Personen sich vor einem Demenzkranken über ihn unterhalten, als ob er gar nicht da wäre, zeuge das von mangelndem Respekt gegenüber diesem Menschen. Denn trotz der Erkrankung behalte er ja seine Persönlichkeit, auch wenn er sich verändert habe, so die Ethikerin. Es seien auch nicht alle Menschen mit Demenz schwerhörig.

Die Mal- und Gestaltungstherapeutin Brigitte Hauptner, die im Belvedere Führungen für Demenzkranke anbietet, versucht bei ihren Veranstaltungen, "den Menschen wieder herauszuholen" und erlebt oft Erstaunliches. Wenn sie zum Beispiel die erste Zeile eines bekannten Gedichtes vorlese, brauche sie die zweite gar nicht mehr vorzutragen, denn die komme spontan aus dem Publikum. Die Freude sei groß, weil in dieser Situation nicht die Krankheit im Vordergrund stehe.

Müller-Finger hält viel von tiergestützter Therapie, weil die Patienten sehr darauf ansprechen, aber wenig von einer Erfindung aus Japan, die in Deutschland schon in rund 40 Pflegeeinrichtungen eingesetzt wird. Ein Roboter in Form einer Babyrobbe soll Demente ruhiger und gesprächiger machen. Die Ärztin: "Ein Roboter kann nicht mit einem Patienten in Beziehung treten."