- © fotolia/studiostoks
© fotolia/studiostoks

Wien. Wenn der laute Knall einer Tür, die der Wind zugestoßen hat, zu einem Einsatz der Polizei-Sondereinheit Wega führt, dann scheint die Angstschwelle unserer Gesellschaft schon ziemlich tief gesunken zu sein. So geschehen am Dienstag in Wien auf dem Reumannplatz. Eine Zeugin deutete den Knall als Schuss und schlug Alarm. Die sich häufenden Terroranschläge, die mit jenem in Nizza und dem Axt-Anschlag in Würzburg in greifbare Nähe rückten, verändern die Psyche, sagt der Soziologe Nils Zurawski im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Ungewohnt und beängstigend sei, dass die Anschläge des Islamischen Staats (IS) eine neue, globale Dimension erreichten. Mit der Zeit gewöhne man sich aber daran. Was bleibt, sei der Einfluss auf die politische Diskussion.

"Wiener Zeitung": Österreicher stornieren ihre Sommerurlaube, weil sie Terroranschläge fürchten. Selbst im eigenen Land scheint
die Angst davor zu wachsen. Was macht dieser offenbar allgegenwärtige Terror mit einer Gesellschaft?

Nils Zurawski: Das lässt sich am besten mit Vergleichswerten erklären. In Nordirland zum Beispiel gehörte und in Israel gehört der Terror zum Alltag. Wenn man dort ist, fällt das aber auf den ersten Blick gar nicht so auf. Man hat sich an den Terror gewöhnt. Ähnlich wird es in Österreich sein. Anfangs vermeidet man es vielleicht, in bestimmte Urlaubsorte zu fliegen, langfristig ist Nichtfliegen aber keine Option. Denn keine Gesellschaft kann in ständiger Angst leben. Eine Gesellschaft, die jeden Tag in Angst lebt, erstarrt.

In Israel aber gehören Waffen zum Straßenbild, Datenschutz gibt es nicht. Droht uns Ähnliches?

Israel ist der einzige demokratische Staat in der Region. Könnte uns so etwas drohen? Drohen immer, aber ich glaube, davon sind wir noch weit entfernt, und wir tun gut daran, dem entgegenzuwirken. Demokratie ist nie selbstverständlich, und der Wille zu ihr zeigt sich insbesondere in Zeiten wie diesen, in denen wir den Rechtsstaat, das Miteinander und demokratische Werte nicht einfach kurzfristigen Ängsten oder Strategien opfern, die mit den Ängsten spielen.

Sollte man besser irgendwann resignieren und sich eingestehen, dass man einem Terroranschlag ohnehin nicht entkommt?

Das liegt in der Natur terroristischer Anschläge, dass man sie nicht kommen sieht. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Das darf aber nicht unsere Psyche angreifen, wie es wiederum in Nordirland passiert ist, wo es diese "Wir-ihr-Mentalität" gibt. Die Leute sind misstrauisch. Man unterscheidet sehr klar zwischen "seinen Leuten" und "deinen Leuten". Das vergiftet die Gesellschaft. (Nach der Unabhängigkeit der Republik Irland 1920/22 gab es einen Machtkampf zwischen den irisch-nationalistischen Katholiken und den Protestanten der britisch gebliebenen Provinz Nordirland, Anm.)

Der Terror in Nordirland etwa durch die Irisch-Republikanische Armee, die IRA, die für eine Vereinigung Nordirlands mit der Republik Irland kämpfte, war aber sehr lokal. Was macht der weltweite IS-Terror mit uns?

Er ist ein Kind der Globalisierung. Wir wundern uns, obwohl er die logische Konsequenz daraus ist. Der Terror ist global geworden. Das ist neu, und damit umzugehen ist schwierig. Die Frage ist, sind wir im Krieg mit dem IS? Das ist schwer zu sagen. Die größte Veränderung ist wohl die Kriegslogik: "Wir müssen sie vernichten, sie sind Kriminelle."

Menschenströme kommen über die Grenze, gleichzeitig sprechen wir zunehmend von Heimat, es kommt zu einer Renationalisierung. Das trennt uns aber eher, als dass es vereint. Wir müssen aufpassen, unsere politische Diskussionskultur nicht total zu verlieren. Das, und nicht der Terror -so perfide es klingt -, ist die eigentliche Gefahr.

Inwiefern?

Pegida und AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich. Sie haben bereits die intellektuellen Kreise erreicht. Im Gewand der Demokraten wird aber antidemokratisch gehandelt.

Das führt zu Undifferenziertheit und Vereinfachung. Zum Beispiel, was Muslime betrifft. Vor 20 Jahren hat man noch von Türken geredet, von Nordafrikanern. Heute nennt man sie alle nur Muslime, Es wird vergessen, dass sie -genauso wie die Christen - eine heterogene Gruppe sind.