Wien. Auch Warzenschweine haben einen Schönheitssinn. Welchen genau, das sei dahingestellt - der Mensch fällt aber wohl kaum darunter. Warzenschweine würden Menschen nicht als schön empfinden, sagt der Psychologe Helmut Leder von der Universität Wien, weil für sie andere Merkmale wichtig seien. Was Tiere und Menschen eint, sei aber, dass Schönheit auf sie wirke -und dass sich das, was biologisch als schön empfunden wird, über tausende Jahre nicht geändert hat. Die Nuancen des Schönheitsideals, von üppig bis an die Grenze zur Magersucht, sind hingegen sehr wohl den Veränderungen der Zeit unterworfen.

"Attraktive Gesichter bergen einen evolutionären Vorteil", sagt Leder. "Ich glaube, dass die Evolution dem Menschen die Fähigkeit der ästhetischen Evaluation mitgegeben hat." "Schön" verbinde man oft mit "gut", nicht nur was die Suche nach einem Partner, sondern auch nach einem Schlafplatz oder Futter anbelange. "Gut" in Bezug auf Menschen bedeute auch "gesund". Denn Krankheiten oder eine schlechte Ernährung sieht man Gesichtern meist an. Schönheit steht laut Leder nicht nur mit vorteilhaften Genen in Verbindung, sondern wirkt auch anziehend auf uns. Ein Mechanismus, der die Fortpflanzung der Art sichert. Zuerst versuche man daher, den schönstmöglichen Partner zu finden, sagt Leder - später agiere man dann doch zunehmend toleranter. "So kommt es, dass fast alle Menschen einen Partner finden."

Warum schöne Menschen alle Blicke auf sich ziehen

Gemeinsam mit seinem Team fand Leder im Rahmen einer Studie heraus, dass schöne Gesichter überproportional oft angesehen werden - also die Blicke auf sich ziehen. Die Forscher zeichneten die Augenbewegungen der Betrachter auf, während diese je zwei Personen auf Bildern ansahen, die sich bezüglich ihrer Schönheit voneinander unterschieden. Deren Blick fiel zu 71 Prozent auf eines der beiden Gesichter - das schönere.

Bereits sehr kleine Schönheitsunterschiede reichten aus, um eine längere oder kürzere Betrachtungsdauer zu messen. Das spreche dafür, dass es sich beim Schönheitsempfinden um einen extrem sensitiven Effekt handle, sagt Co-Autorin Aleksandra Mitrovic. "Unsere Aufmerksamkeit wird ganz automatisch auf das gelenkt, was wir als schön empfinden - ohne darüber nachdenken zu müssen."

Was empfinden wir nun aber als schön - und warum? Generell zeigte sich laut Leder, dass die Probanden Frauengesichter länger ansahen als Männergesichter. Was die Gesichter selbst betraf, so hätten sich die entscheidenden biologischen Merkmale für das Schönheitsempfinden seit tausenden Jahren nicht geändert: eine gewisse Symmetrie, ein großes Kinn beim Mann und höhere Wangenknochen bei der Frau.

Letztere beruhen auf der Ausschüttung der weiblichen Hormone, der Östrogene, das breite Kinn lässt auf das männliche Pendant, die Androgene, schließen. Androgene fördern zudem das Muskelwachstum - was Frauen unbewusst mit dem Vorteil, beschützt zu werden, in Verbindung bringen. Östrogene steuern den weiblichen Zyklus mit. Alles Merkmale, die einen potenziellen Partner durchaus attraktiv erscheinen lassen.

Betrachtet man jedoch Rubens’ (1577-1640) Frauen mit ihren üppigen Formen und Doppelkinnen und danach die Gewinnerinnen von Germany’s, Austria’s oder welchem Next Topmodel auch immer, so scheint der Begriff von Schönheit doch auseinanderzudriften.

Nicht unbedingt, sagt dazu die deutsche Philosophin Rebekka Reinhard. Das vermeintliche Schönheitsideal, das einem aus Zeitschriften und dem Fernseher entgegenlächle und dem man sich schlecht entziehen könne, sei grundsätzlich immer das gleiche "und eigentlich langweilig": symmetrisch, ebenmäßig und jugendlich, wie auch die Psychologen und Attraktivitätsforscher herausgefunden hätten. Bereits der antike griechische Philosoph Pythagoras habe Schönheit über mathematische Formeln und Proportionen definiert. Alle anderen Details wie Leibesfülle oder Teint unterliege einer simplen Diktion: "Als schön gilt, was das Rare präsentiert", so Reinhard zur "Wiener Zeitung".

In Zeiten des Überflusses sei es daher schick, schlank zu sein. Wo die Menschen auf dem Feld arbeiten mussten und die Haut gegerbt von der Sonne war, galt ein blasser Teint als schön. Aktuell beobachte Reinhard allerdings einen Wandel. Neben den Heidi Klums und Kim Kardashians gewinne der Trend zu Authentizität an Fahrt. "Umberto Eco (Philosoph, 1932-2016, Anm.) hätte von Polytheismus der Schönheit gesprochen: Es wird immer schwieriger, einheitliche Ideale herauszuarbeiten", sagt Reinhard.

Geht man rein philosophisch an den Begriff Schönheit heran, so sei die wesentliche Frage, ob diese Geschmackssache ist oder nicht, allerdings ungeklärt. Also ob Schönheit im Auge des Betrachters liegt und auf einem subjektiven Empfinden basiert, oder ob sie objektiv begründet ist.

Ein transzendentes Wesen, das Vollendung verspricht

Der antike griechische Philosoph Platon habe in ihr jedenfalls ein transzendentes Wesen gesehen, so Reinhard. Ein Ideal, ein Versprechen von Glück und Vollendung. Oder in anderen Worten: "In allem, was schön ist, liegt etwas, das über sich hinauswächst." Wer Schönes betrachte, bereichere sich selbst.