Wien. "Jeder Selbstmörder spukt für immer in meinem Kopf weiter", schreibt Schlossermeister Michael Bübl in seinem Buch "Endlich bin ich erlöst. Von Selbstmord zu Selbstmord", das heuer im Eigenverlag erschienen ist. Auf dem Titelbild sind ein Revolver und ein Abschiedsbrief abgebildet. Bübl hat darin die einschneidendsten Erlebnisse seiner 16-jährigen Tätigkeit als Schlosser niedergeschrieben - jene, als ein Suizid der Grund für die versperrte Türe war.

In den 16 Jahren , in denen Bübl als Schlosser arbeitete, öffnete er viele Türen. Etwa 100 Mal steckte ein Suizid dahinter. - © joserpizarro
In den 16 Jahren , in denen Bübl als Schlosser arbeitete, öffnete er viele Türen. Etwa 100 Mal steckte ein Suizid dahinter. - © joserpizarro

Etwa 100 Mal in seiner Karriere als Schlosser sei das der Fall gewesen, sagt Bübl zur "Wiener Zeitung". In dem Buch habe er sich seine Traumata und all die Dramen, die dahintersteckten, von der Seele geschrieben. Denn die Krankenkasse übernehme die psychologische Unterstützung von Schlossern nicht - obwohl diese im Unterschied zu Polizisten oder Rettungssanitätern nicht geschult im Umgang mit Toten und deren Angehörigen seien.

Schreiben als Selbsttherapie

Er wollte sich aber nicht nur selbst therapieren, wie er sagt, sondern auch mithelfen, weitere Suizide zu verhindern. "Indem Gefährdete sehen, wie entstellt und oft grausig verstümmelt ihre Körper dann sind." Ein Betroffener habe sich zum Beispiel mit einer Bohrmaschine sieben Löcher in den Kopf gebohrt. Ein anderer habe sich in Säure aufgelöst. "Das Buch soll auch helfen, zu realisieren, dass man nach einem Suizid wirklich tot ist, und was man seinen Angehörigen damit antun würde."

Das ist Experten zufolge nicht ganz gelungen. Grundsätzlich sei es eine heikle Gratwanderung, mit Berichten Suizide auszulösen ("Werther-Effekt") oder zu verhindern ("Papageno-Effekt"), sagt Sozialmediziner Thomas Niederkrotenthaler von der MedUni Wien, der mit seinem Forscherteam eine Studienreihe zu dem Thema durchführt. Das Buch des Schlossermeisters "hätte ein interessanter Beitrag werden können, wenn der Autor bei seinen Beschreibungen, bei dem, was er erlebt hat, geblieben wäre. Wenn er sich auf die Schwierigkeiten in seinem Beruf beschränkt hätte, wäre das Buch gut für die Suizidprävention gewesen."

Aber: Er blieb nicht dabei, sondern stellte eigene Thesen auf. Zum Beispiel jene, dass Armut die häufigste Ursache für einen Suizid sei. In einem Fall, schreibt Bübl, steckten Scherben einer Wodkaflasche im Hals eines Betroffenen, der zuvor die Botschaft in die Tischplatte geritzt habe: "Mir reichts - 49 Jahre Arbeit und dann kriegst 500 Euro Pension. Auf das scheisse ich." Zu vielen Türen sei Bübl nur gerufen worden, weil ein Schuldeneintreiber hineinwollte, schreibt er.

Armut zur Hauptursache oder gar alleinigen Ursache für einen Suizid zu erklären, sei aber grundlegend falsch, sagt Niederkrotenthaler. Vielmehr spreche man von einem bio-psycho-sozio-kulturellen Paradigma. Das bedeute: "Ein Faktor allein reicht nie aus. Es ist nicht die Klarheit, die Betroffene in den Suizid treibt, sondern die Verzweiflung." Eine weitere Fehlinformation sei, dass Bübl schreibt, jeder fünfte junge Mensch sterbe durch Suizid. Tatsächlich seien aber ein Fünftel der Todesfälle der Jungen auf Suizid zurückzuführen, sagt Niederkrotenthaler - ein wesentlicher Unterschied.

Durch diese falschen Thesen, die dem Leser wenig Hoffnung gäben, eigne sich das Buch nicht für die Suizidprävention. "Es könnte sogar sein, dass es bei manchen zur Destabilisierung führt", so Niederkrotenthaler. Damit meine er nicht "Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen", diese schockiere Bücher wie dieses vermutlich nur. Für all jene, die suizidal sind, könnte es hingegen problematisch werden - der "Werther-Effekt" könnte die Folge sein.

Vor allem Titel wie "Endlich bin ich erlöst" seien heroisierend, ergänzt Claudius Stein vom Kriseninterventionszentrum. Dieser Erlösungseffekt sei etwas, was Menschen dazu bringen könnte, den Suizid zu imitieren. Die Worte "Selbstmord" und "Freitod" sollten ebenfalls vermieden werden, das gelte für die Berichterstattung von Medien aller Art. "Selbstmord", weil es etwas Stigmatisierendes habe, "Freitod", weil sich dabei die Frage stelle, wie frei ein verzweifelter Mensch wirklich sei. Auch einen Revolver auf dem Titelbild zu zeigen sei nicht ideal, sagen die Experten, weil es eine Methode des Suizids zeigt und Bilder einen noch stärkeren Effekt als Texte hätten.

"Es geht um Lösungen"

Aus Angst vor Fehlern nun gar nicht über Suizid zu berichten, sei aber auch keine Lösung. Es gehe allein um das Wie. "In der Berichterstattung soll nichts vermeldet werden, was eine hohe Identifikation mit den Betroffenen ermöglicht", sagt Stein. Der Text sollte nüchtern verfasst sein, die möglichen Ursachen für den Suizid sollte man aussparen. Viel wichtiger wäre es, dass Suizidale, die es geschafft haben, ihre Krise zu überwinden, ihre Erfahrungen niederschreiben. Das könne gefährdeten Lesern zeigen, dass es möglich ist, einen Weg zu finden, und somit eine enorme Schutzwirkung haben - den "Papageno-Effekt".

"Es geht um Lösungen, wie man mit der eigenen Suizidalität umgehen kann", sagt Niederkrotenthaler. Das Buch "Krisenintervention und Suizidverhütung" etwa von Gernot Sonneck sei ein Lehrbuch, das beim Erkennen der Suizidalität helfe und Therapien und Suizidprävention vorgebe. In Bübls Buch wäre laut Niederkrotenthaler schon allein eine Seite im Anhang mit Tipps hilfreich gewesen, wo man als suizidaler Mensch oder von Suizid indirekt Betroffener Unterstützung findet.