Graz. Vielleicht ist es für Opfer und Angehörige leichter, eine Gewalttat zu verstehen, wenn es einen Schuldigen gibt. Und zwar einen Schuldigen, der nicht aus Krankheit, oder nennen wir es Verrücktheit, unberechenbar gehandelt und jemandem Leid zugefügt hat. Sondern einen, der ein erklärter Krimineller ist, der dafür verurteilt werden kann -und sich seine Straftat damit eingestehen muss. Der Prozess gegen Alen R., der im Sommer des Vorjahres bei seiner Amokfahrt durch Graz drei Menschen getötet und dutzende zum Teil schwer verletzt hat, lässt Gedanken wie diese entstehen.

Denn obwohl zwei der drei Gutachter Alen R. bereits für zurechnungsunfähig erklärt haben und die Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingebracht hat, scheint die Zurechnungsunfähigkeit täglich mehr infrage gestellt zu werden. Der Prozess findet zudem am Straflandesgericht Graz statt - und damit an jenem Ort, an dem die Schrecken der Tat noch immer haften.

"Viele wollen das Gefühl,
dass der Täter bestraft wird"

"Viele wollen das Gefühl haben, dass der Täter bestraft wird", sagte dazu Edwin Benko, Leiter des Kriseninterventionsteams, am ersten Prozesstag am Dienstag der Vorwoche. Es steht die zentrale Frage im Raum, ob Alen R. seinen von ihm behaupteten Verfolgungswahn nur vorspielt: Er erklärte, während seiner Fahrt vor dem Schwiegervater geflüchtet zu sein und Schüsse gehört zu haben. Absichtlich überfahren habe er niemanden. Alen R.s Exfrau sagte zwar aus, dass er sich verändert habe und sich von Marsmännchen verfolgt gefühlt habe, sein Verhalten vor Gericht aber nur gespielt sei.

Am vorletzten Prozesstag am Mittwoch - für heute, Donnerstag, wird ein Urteil erwartet - waren schließlich Gutachter am Wort. Die zwei Psychiater Peter Hofmann und Jürgen Müller hatten Alen R. in ihrem Gutachten bereits Zurechnungsunfähigkeit attestiert, Müller zudem Schizophrenie. Er war der Obergutachter aus Deutschland, der beigezogen wurde, nachdem ein zweiter Gutachter, Manfred Walzl, Alen R. für zurechnungsfähig erklärt hatte. Walzl ist zwar auch Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, allerdings mit Berufsschwerpunkt Neurologie, und auch als Neurologe in einem Schlaflabor in Graz tätig, was auch die Verteidigerin von Alen R. kritisch in den Raum stellte.