Zeigt das Blutzuckermessgerät 5,7 an, liegt die Glucose-Konzentration im Blut im Normbereich. - © Fotolia/Dmitry Lobanov
Zeigt das Blutzuckermessgerät 5,7 an, liegt die Glucose-Konzentration im Blut im Normbereich. - © Fotolia/Dmitry Lobanov

Wien. Jährlich sterben rund 10.000 Menschen in Österreich an den Folgen von Diabetes. Es gibt 2500 Amputationen, 300 neue Dialysepatienten und 200 neu erblindete Patienten. Seit 1998 ist die Zahl der Diabetiker in Mitteleuropa um 40 Prozent gestiegen. In Österreich leiden laut dem Wiener Diabetologen Thomas Wascher bereits acht bis neun Prozent der Bevölkerung an Diabetes - das sind mehr als 600.000 Menschen. Etwa 150.000 von ihnen wüssten gar nicht, dass sie Diabetiker sind, so Wascher. Die Kosten, die daraus direkt sowie aufgrund der Folgeerkrankungen entstehen, werden in Österreich auf 4,8 Milliarden Euro jährlich geschätzt.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, ist hier vor zehn Jahren das strukturierte Betreuungsprogramm "Therapie Aktiv - Diabetes im Griff" für Typ-2-Diabetiker durch die Krankenkassen in Arztpraxen gestartet worden. Die Teilnahme zeige Wirkung, sagte Reinhold Pongratz, Ärztlicher Leiter der steirischen Gebietskrankenkasse, am Mittwoch vor Journalisten. Eine Studie der MedUni Graz habe ergeben, dass Typ-2-Diabetiker in dem Programm eine um 35 Prozent niedrigere Sterblichkeit und um zehn Prozent weniger Folgeschäden wie Amputationen aufwiesen.

Die Idee dahinter ist, dass speziell geschulte Hausärzte Diabetiker in kleinen Gruppen im Umgang mit ihrer Krankheit in Form von vier- respektive fünfmoduligen Schulungen unterrichten und die Patienten auch langfristig betreuen. So wird zum Beispiel der Blutzuckergehalt regelmäßig gemessen, und Augen und Füße werden kontrolliert. Gemeinsam werden Therapieziele festgelegt und etwaige Erfolge kontrolliert. Die Ärzte bekommen für den Aufwand ein eigenes Honorar. Dieses liegt je nach Bundesland bei 53 bis 58 Euro für die erste Untersuchung, in Folge wird eine Quartalspauschale von 25 bis 35 Euro pro Patient verrechnet. Die Schulungen werden von den Krankenkassen bezahlt.

Ärzte fürchten
bürokratischen Aufwand


Dennoch nahmen zu Beginn relativ wenige am Betreuungsprogramm teil, erst jetzt scheint es an Fahrt zu gewinnen. Seit 1. Jänner ist es auf alle Bundesländer ausgerollt, zuletzt kamen Kärnten und Tirol dazu. Die Zahl der teilnehmenden Ärzte und Patienten ist 2016 um je rund 20 Prozent gegenüber 2015 gestiegen. Aktuell seien 1483 Ärzte und 56.460 Patienten dabei, so Pongratz.

Prozentuell betrachtet ist das allerdings noch immer weniger als ein Viertel (23 Prozent) der Typ-2-Diabetiker, die auf Krankenkassenkosten ärztlich versorgt werden. Das könnte daran liegen, dass viele Ärzte zusätzliche Belastungen fürchten. Eine Ifes-Umfrage unter teilnehmenden und nicht teilnehmenden Ärzten hat jedenfalls gezeigt, dass insgesamt 73 Prozent den administrativen Aufwand für die Patientendokumentation "sehr" respektive "eher schon" als Nachteil sehen. Splittert man die Ärzte jedoch auf, ist auffallend, dass 82 Prozent der nicht teilnehmenden und nur 67 Prozent der teilnehmenden Ärzte diesen Nachteil fürchten.

Die Unsicherheit dürfte also noch immer überwiegen, doch in der Praxis sei es so, dass die Ärzte nur einmal im Jahr einen Organisationsbogen ausfüllen müssten, sagte Pongratz. Die Schulungen müssten freilich auch organisiert werden, hier könnte aber das gesamte Ordinationsteam - also auch das nicht-ärztliche Personal - miteinbezogen werden, damit sich der Aufwand in Grenzen halte.

Es gibt zwei Arten von Diabetes. 90 Prozent der Erkrankten sind Typ-2-Diabetiker. Bei der am stärksten betroffenen Altersgruppe, den 50- bis 70-Jährigen, leidet fast jeder Vierte am Typ-2-Diabetes (auch Altersdiabetes genannt). Dieser hat eine genetische Komponente, eine wichtige Rolle spielt aber der Lebensstil. Nach Jahren der Überbelastung durch einen erhöhten Blutzuckerspiegel, der durch Insulin abgebaut wird, stellt der Körper die Insulinproduktion ein. Anders verhält es sich beim Typ-1-Diabetes. Hier werden die Insulin bildenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört, Insulinmangel ist die Folge. Dieser Typ tritt vor allem bei Jungen auf.

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