Wien. "Die eher negative Stimmung in der Öffentlichkeit entspricht nicht unbedingt dem Gefühl der Mehrheit der Betroffenen." Dieses Fazit zieht der deutsche Pastoralpsychologe und Pastoralsoziologe Christoph Jacobs über die erste große Studie in Österreich zum Befinden der hauptamtlichen Seelsorger (Priester, Diakone, Laien) der katholischen Kirche. In der Erzdiözese Wien hat sein Team, das davor auch schon 22 deutsche Diözesen untersucht hatte, rund 750 Fragebögen ausgewertet.

Abgefragt wurden sowohl die Zufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation als auch die Haltung bezüglich der laufenden Strukturreform in den Dekanaten der Erzdiözese Wien (vor allem in Bezug auf Pfarrzusammenlegungen). Auffällig dabei ist einerseits die hohe Rücklaufquote: 1361 Fragebögen wurden verteilt, 50 Prozent der Priester, 70 Prozent der Diakone und 63 Prozent der Laien haben sie auch beantwortet. Andererseits sind auch die Ergebnisse selbst zum Teil positiver, als manche erwartet haben mögen. So liegt die durchschnittliche Lebenszufriedenheit der hauptamtlichen Seelsorger auf einer Skala 1 bis 10 bei 7,9 und entspricht somit exakt dem Wert der österreichischen Normalbevölkerung.

Ein Viertel ist übergewichtig

Burnout ist für Kirchenmitarbeiter ein eher geringes Problem. In psychosozialer Hinsicht geht es den Seelsorgern also gut, Sorgen muss man sich allerdings um ihre körperliche Gesundheit machen: Ein Viertel ist übergewichtig, und genauso viele trinken möglicherweise zu viel Alkohol. Jacobs ortet hier "in gewisser Weise ein Berufsrisiko", mit Blick auf verschiedenste Gelegenheiten von Sitzungen bis Pfarrfesten, in denen oft traditionell auch Alkohol konsumiert wird. Dass jeder vierte Seelsorger Alkoholiker sei, sei aber aus seinen Zahlen aber nicht herauszulesen, betont er.

Abgefragt wurde auch die Haltung zum Zölibat: Für 25 Prozent der Priester ist er eine Belastung, die überwiegende Mehrheit hingegen empfindet ihn sogar als hilfreich für ihre seelsorgerische Tätigkeit und würde ihn auch wieder als Lebensform wählen. Jacobs meint dazu, dass es umgekehrt eher für Laien schwierig sei, Familienleben und Kirchenengagement zu vereinen.

75 Prozent wollen einen Wandel

Mit Blick auf die Neustrukturierung der Pfarren bilanziert er, dass "für Gesundheit, Zufriedenheit und Belastung nicht die Größe der Pfarre wichtig ist, sondern die Qualität des jeweiligen Seelsorgeteams". Diesem Punkt will sich die Diözesanleitung künftig noch intensiver widmen: "Wir werden noch mehr auf gut zusammenspielende Teams in größeren Räumen setzen", sagt Generalvikar Nikolaus Krasa. Man müsse auch darauf achten, die passenden Personen auf die richtigen Positionen zu setzen: "Nicht jeder Priester ist in der Rolle des Pfarrers gut aufgehoben."

Grundsätzlich sieht er in den Rückmeldungen eine Bestätigung des bisherigen Reformwegs. Vor allem im missionarischen Bereich sehen sehr viele Seelsorger die Notwendigkeit zur Veränderung. "Etwa 75 Prozent sagen, dass sich in der Kirche etwas tun soll", erklärt Jacobs. Allerdings ist gut die Hälfte skeptisch, was konkrete Strukturveränderungen betrifft, hier ist der Anteil unter den Priestern höher als unter den Laien. Jacobs spricht dabei von einem Dilemma, denn "es kann trotzdem sein, dass die Umstrukturierung für die Beteiligten besser ist, auch wenn sie es jetzt nicht so sehen".

Krasa meint dazu, dass "die größte Macht für oder gegen Veränderung die Bilder im Kopf sind - es braucht halt lange, bis man neue Bilder hat." Er verweist auf die jüngste Pfarrzusammenlegung im 4. Bezirk: "Die erste Versammlung zur Pfarre Neu war damals wirklich schlimm. Aber nach dem Gründungsgottesdienst im Jänner war nun eine positive Aufbruchstimmung spürbar."