Wien. Gerade einmal ein Viertel des Jahres ist verstrichen - und es gibt bereits doppelt so viele Masernfälle wie 2016. Laut Gesundheitsministerium wurden seit Jahresbeginn 72 Erkrankungen gezählt. Im Vorjahr waren es insgesamt 28. Vor zwei Jahren waren es allerdings auch schon 309 Fälle und im Jahr davor 117. Das niedrige Niveau von nur zehn Fällen wurde seit 2005 nicht mehr erreicht. Schuld daran ist die sinkende Durchimpfungsrate: Konkret bei den Zwei- bis Fünfjährigen liegt diese nur noch bei 92 Prozent, heißt es vom Ministerium. Zehn Prozent von diesen seien nur einfach statt zweimal geimpft. Sechs Prozent, das sind etwas mehr als 20.000 Kinder dieser Altersklasse, sind überhaupt nicht geimpft.

Der sogenannte Herdenschutz ist allerdings erst bei 95 Prozent gegeben - dann tritt jener Effekt ein, dass die durch die Impfung erzeugte Immunität in einer Population so verbreitet ist, dass auch nicht-immune Individuen geschützt sind, weil der Erreger sich nicht ausbreiten kann. Gestern langte bereits ein Schreiben von Gesundheits- und Bildungsministerium in Österreichs Kindergärten, Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen über das vermehrte Vorkommen von Masern ein. Demnach können Kinder bis zu 21 Tage vom Besuch von Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergarten, Schule oder Hort ausgeschlossen werden. Dafür reicht laut Epidemiegesetz schon die Tatsache, dass das Kind nicht ausreichend geimpft ist und in Kontakt mit einer erkrankten Person gekommen ist.

Nicht ausreichend geimpft sind auch all jene, die nur eine der zwei Impfungen erhalten haben. Gegen Masern-Mumps-Röteln (Masern wird in dieser Kombination mit Lebendimpfstoff geimpft) sollte zweimal im Abstand von vier Wochen ab dem vollendeten 9. Lebensmonat geimpft werden.

Warum diese Impfungen nicht mehr so konsequent wie früher durchgeführt werden, liege nicht nur an den Impfgegnern, sagt dazu Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien. Es sei auch eine gewisse Ernsthaftigkeit verloren gegangen. "Früher stand das Wissen im Vordergrund, was alles passieren kann, wenn man nicht geimpft ist", sagt Wiedermann-Schmidt zur "Wiener Zeitung". Heute vergäßen viele auf die zweite Impfung. Eine halbe Million der 15- bis 30-Jährigen habe nur eine Masern-Mumps-Röteln-Impfung.

"Asozialer Zugang"

Diese Impflücke habe sich über die Jahre manifestiert, so Wiedermann-Schmidt. Ein Fall könne aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr durch Tröpfchenübertragung zu einer schnellen Ausbreitung führen. Sein Kind nicht impfen zu lassen in der Gewissheit, "dass eh alle anderen geimpft sind", sei daher ein "asozialer Zugang". Vielmehr sei es die Verpflichtung als Bürger, dafür zu sorgen, dass man andere nicht ansteckt. Ein Neugeborenes zum Beispiel, das noch nicht geimpft sein kann und mit seiner Mutter in die Kinderarztpraxis kommt, könnte dort von einem an Masern erkrankten Kind angesteckt werden, in der Folge an Gehirnentzündung erkranken und sterben. Um das Risiko zu reduzieren, hätten zahlreiche Kinderärzte unterschiedliche Terminvereinbarungen eingeführt, sagt der niedergelassene Kinderfacharzt Rudolf Schmitzberger, der auch Impfreferent der österreichischen Ärztekammer ist. Kinder, die zur Vorsorgeuntersuchung kommen, erhielten zeitlich andere Termine als Akutkranke. In der Praxis könne man das wegen der Akutkranken allerdings nicht immer einhalten.

Daher hätten bereits viele Kinderärzte ein Piktogramm mit einem kurzen Text vor dem Eingang hängen, der besagt, dass Eltern von Kindern mit Ausschlägen dreimal läuten sollen. Sie kämen dann in einen eigenen Warteraum. Das Problem dabei: "Bei vielen Infektionskrankheiten, und da gehört Masern dazu, sind Kinder schon vorher ansteckend." Zudem seien auch etliche Erwachsene ohne es zu wissen ungeschützt und könnten somit erkranken: Der Impfstoff Quinto-Virelon, der in den Jahren 1966 bis 1976 gegen Masern geimpft wurde, habe keine sehr gute Wirksamkeit gehabt, sagt Schmitzberger.

Impfpflicht in den USA

Die Masern-Mumps-Röteln-Impfung ist zwar Teil des Österreichischen Impfplans, der Erhalt der vollen Höhe des Kinderbetreuungsgeldes im Rahmen der insgesamt zehn vorgeschriebenen Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen ist allerdings nicht daran gekoppelt. Volksanwalt Günther Kräuter hat daher vor kurzem eine Impfpflicht gegen Masern in Grippen, Kindergärten und Schulen gefordert. In den USA etwa ist ein Besuch von Kindergärten oder Schulen ohne den Nachweis der Impfung nicht möglich. Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner rief wiederum dazu auf, die Möglichkeit einer Impfpflicht für Gesundheitspersonal rechtlich zu prüfen - 15 Prozent der heurigen Masernfälle seien im Krankenhaus akquiriert worden. Als Vorzeigebeispiel für eine Impfpflicht wird oft Hepatitis B angeführt: In Süditalien wurde die Infektionskrankheit nach Einführung einer allgemeinen Impfpflicht praktisch eliminiert.

Gegner dieser Auffassung finden sich in den eigenen Reihen. Friedrich Graf, praktischer Arzt in Schleswig-Holstein in Deutschland, ist einer von ihnen. "Dass aufgrund der Impfungen Krankheiten ausgerottet wurden, ist reines Wunschdenken", sagt er. Pro-Impf-Kampagnen dienten lediglich dazu, die Interessen zahlreicher Berufsgruppen wie Ärzten oder Pharmazeuten zu befriedigen. Seiner Ansicht nach rückten durch das Impfen gegen ein Virus zahlreiche weitere wie Ringelröteln oder die Hand-Fuß--Mund-Krankheit nach - der Geimpfte selbst werde zudem immer anfälliger für Krankheiten, weil sein Körper nicht angeregt wurde, Abwehrstoffe zu bilden. Graf impft keinen seiner Patienten mehr, auch Kinder nicht: "Die Gesundheit der Ungeimpften ist beeindruckend."

"Das funktioniert nicht", ist indes Impfreferent Schmitzberger überzeugt. Viele Impfgegner würden ihre Ansicht zu einer Glaubensfrage erheben und damit impfkritische Menschen mobilisieren. Tatsache sei, dass jeder, vom Säugling bis zum Erwachsenen, an Masern erkranken könne. Der Krankheitsverlauf ist folgender: Acht bis zehn Tage nach der Infektion kommt es zu Beschwerden wie Fieber, begleitet vom Masernausschlag: rote Flecken. Vier Tage davor bis vier Tage danach sind die Erkrankten hoch ansteckend. Bei 20 von 100 Fällen treten Komplikationen wie Bronchitis auf, bei ein bis zwei von 1000 kommt es zu einer lebensbedrohlichen Gehirnentzündung. Ist man einmal erkrankt, können nur die Symptome gelindert werden, die Infektion ist nicht behandelbar. Masern ist weltweit noch immer die Haupttodesursache von durch Impfung vermeidbaren Erkrankungen bei Kindern.