Wien. Wer am Samstag Österreichs größtes Treffen der Youtube-Stars in der Marxhalle in Wien Landstraße besuchte, musste vor allem eines haben: Geduld. Unzählige Jugendliche warteten bis zu drei Stunden lang vor den einzelnen Bühnen, auf denen ihre Idole auf Autogrammkarten unterschrieben und für ein Foto kurz innehielten. War es endlich soweit, entlud sich das lange Warten in Gefühlsausbrüchen wie freudigen Weinkrämpfen oder glücklichem Kreischen. Mehr als 5000 Fans waren zur "4Webstars: 71Con" gekommen, die den Auftakt zum viertägigen, von der ProSiebenSat.1-Puls-4-Gruppe Studio 71 veranstalteten "4GameChangers"-Festival bildete.

Viele filmten einander dabei, wie sie in der Schlange warteten, ihrem Star zujubelten und ihn umarmten - um ihre Videos fast schon simultan ins Internet zu stellen. Ist doch der Traumberuf zahlreicher Fans, ebenfalls Youtuber und einmal ähnlich berühmt zu werden. Hinter den Namen ihrer Stars wie ConCrafter, KranCrafter oder MarcelScorpion - mehr als 20 von ihnen waren am Samstag dabei - steckt eine gigantische Werbe- und Geschäftsmaschinerie mit zum Teil hohen Gagen.

Stars "zum Angreifen"

Das Phänomen ist denkbar einfach und lukrativ zugleich. Youtuber - meist selbst Jugendliche - spielen und kommentieren Computerspiele, filmen sich beim Singen, beim Beatboxen, beim Schminken, Kochen oder dabei, wenn sie anderen Streiche spielen. Kulisse und Ausstattung sind billig: ein Computer und die eigene Wohnung. Oft sieht man über die Computerkamera, die den Youtuber filmt, auch nur dessen Jugendzimmer mit immer denselben Postern an der Wand.

Genau diese intime Atmosphäre ist es aber, die der Youtuber-Szene zu Ruhm verholfen hat - weil sie Authentizität und Stars "zum Angreifen" generiere, sagt Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung zur "Wiener Zeitung". Zudem sei das Feld im Gegensatz zu jenem von Popstars, die nur bei der Wahl ihrer Liederinhalte variieren, "wahnsinnig breit", wenngleich es sich dann doch immer nur um den eigentlich langweiligen Alltag drehe. "Dass dahinter hohe Professionalität steckt und der Druck, ständig senden zu müssen, weil sonst Follower wegfallen, wird dabei oft übersehen."

Der Schlüssel zum Erfolg ist die Zahl der Klicks. Jeder Klick bedeutet mehr Ansehen. Sind es genug Klicks, sichern sie das Einkommen - und lassen bei einigen wenigen ein kleines Vermögen entstehen. Dafür muss der Bekanntheitsgrad wachsen, zum Beispiel durch Fernsehauftritte, Treffen mit Fans und Autogrammstunden. Erst dadurch werden Youtuber für Werbeverträge interessant, und sie werden an den Werbeeinnahmen, die deren Videos generieren, beteiligt. Dazu kommen Produktplatzierungen, hinter denen Management-Firmen stehen, die das Geschäftliche regeln und von den jungen Werbeträgern Profit ziehen.

Spiele-Verkaufszahlen gesteigert

Youtuber, die Computerspiele kommentieren, steigern wiederum deren Verkaufszahlen: Das Offene-Welt-Spiel Minecraft zum Beispiel, bei dem man mit würfelförmigen Blöcken dreidimensionale Landschaften errichtet, wurde durch Youtube-Videos so bekannt, dass Microsoft den Spiele-Hersteller Mojang ankaufte. Die Fußball-Sportsimulation Fifa, League of Legends und das Ego-Shooter-Spiel Call of Duty seien ebenfalls beliebt, sagt Denise Krautz, die bei der ProSiebenSat.1-Puls-4-Gruppe die Vermarktung von "4Stars" und "Studio 71 Vienna" leitet.

Die Reichweite der Youtuber und damit deren Einfluss sind enorm. Der schwedische "Let’s Play"-Star PewDiePie führt die Liste der bestverdienenden Youtube-Stars laut dem Socialblade Ranking an. Er hat rund 55 Millionen Abonnenten. Von Juli 2015 bis Juni 2016 soll er dem US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" zufolge 15 Millionen US-Dollar (13,8 Millionen Euro) verdient haben. Als Erfinder dieses Teilbereichs "Let’s Play" ("Lass uns spielen"), bei dem Youtuber Computerspiele spielen und kommentieren, gilt der US-Amerikaner Michael Sawyer alias Slowbeef, der 2005 damit begann. Der erste deutschsprachige Spieler dürfte Valdis348 gewesen sein.

Die deutschsprachige Szene ist freilich um vieles überschaubarer. Youtuber Gronkh und LeFloid haben mehr als 4,5 Millionen respektive drei Millionen Abonnenten. Letzterer hat bereits die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel interviewt, was ihm 5,3 Millionen Aufrufe brachte. Deutsche, erfolgreiche "Let’s Player" sollen auf bis zu 15.000 Euro monatlich kommen.

Die österreichischen Youtuber bewegen sich bei der Zahl ihrer Abonnenten im sechsstelligen Bereich. VeniCraft hat mehr als 400.000, die Mode- und Kosmetikbloggerin Kim Lianne mehr als 600.000 Abonnenten. Dennoch eine harte Konkurrenz für Neueinsteiger wie Marie Curie mit fast 10.000 Abonnenten, die sich derzeit von reinen Schönheitsthemen hin zu Lifestyle bewegt. Die Konkurrenz belebe den Markt, sagt Krautz zur "Wiener Zeitung", jedenfalls, was das Marketing betreffe. Gerade in Österreich steige die Nachfrage von Unternehmerseite aus am Marketing für Youtuber stetig an. In der Branche werden diese schon Influencer genannt: die Beeinflusser, Meinungsführer, Multiplikatoren.