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Wien. Der Vater schlägt die Mutter. Die Mutter flüchtet in ein Frauenhaus, erhält Hilfe. Das Kind oft nicht. "Eine Befragung unter betroffenen Müttern hat gezeigt, dass 23 Prozent glauben, die Kinder haben nichts bemerkt", sagte Martina Wolf, Geschäftsführerin des 2011 gegründeten Bundesverbands Österreichischer Kinderschutzzentren, am Donnerstag. Tatsache sei jedoch, dass Kinder sehr wohl etwas bemerkten und die Zeugenschaft körperlicher Gewalt auch psychische Gewalt bedeute. Und dass die Kinder genauso Hilfe bräuchten.

Der Bundesverband forderte daher anlässlich des 20-Jahr-Jubiläums des Gewaltschutzgesetzes am 1. Mai, das Österreich als erstes europäisches Land erlassen hatte, die Position der Kinder bei Gewalt in der Familie zu stärken. "Miterlebte Gewalt traumatisiert sogar länger und stärker als die selbst erlebte", ergänzte Vorstandsmitglied Hedwig Wölfl, die das Kinderschutzzentrum "Die Möwe" leitet. Denn bei erlebter Gewalt habe man einen gewissen Handlungsspielraum - als Zeuge sei man zur Hilflosigkeit verdammt. Dazu komme der Loyalitätskonflikt, sowohl die Mutter als auch den Vater schützen zu wollen.

Das Gewaltschutzgesetz ging mit dem Wegweiserecht einher. Jede Wegweisung beziehungsweise jedes Betretungsverbot muss zwar verpflichtend an die Kinder- und Jugendhilfe gemeldet werden - die Kinderschutzzentren werden aber nicht automatisch informiert. Betroffene Kinder kommen oft erst dann mit diesen in Kontakt, wenn sich Lehrer an sie wenden, weil zum Beispiel die Leistungen stark abfallen. Das müsse sich ändern, so die Forderung des Bundesverbands. Auch die Tatsache, dass Kinder, die Zeugen von Gewalt sind, aus juristischer Sicht keinen Anspruch auf Prozessbegleitung haben, belaste die Betroffenen, ergänzte Barbara Neudecker, Leiterin der Fachstelle Prozessbegleitung. Rein rechtlich werden diese nicht als unmittelbare Opfer gesehen, weshalb ihnen die Kinderschutzzentren selbst einen Prozessbegleiter zur Seite stellen - den dann aber freilich nicht das Justizministerium bezahlt.

Rund 8300 Wegweisungen

Die Zahl der polizeilichen Betretungsverbote in Österreich hat sich seit dem Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes von 1449 im Jahr 1997 auf aktuell rund 8300 erhöht. 2014 hatte sie mit 8466 den bisherigen Höhepunkt erreicht, seit 2011 ist die Zahl relativ konstant.