Wien. Standardisierte Arbeitsschritte erledigen Computer. IT-Techniker tüfteln an effizienzsteigernden Programmen und die Anwälte - zum Teil hoch spezialisiert - verbringen mehr Zeit mit ihren Mandanten. So sieht die Anwaltskanzlei der Zukunft aus, die im Übrigen auch nicht mehr unbedingt mit einem prunkvollen Einzelbüro einhergehen muss, sondern vielmehr zum Gemeinschaftsprojekt avanciert sein wird.

Zum Gemeinschaftsprojekt von - grob gesagt - Technik und Jus. Das sei die Herausforderung der Zukunft, sagt dazu Sophie Martinetz, Geschäftsführerin von Seinfeld Professionals und Initiatorin der Plattform FutureLaw für Technologien in der Rechtsbranche. Diese Technologien und deren Symbiose mit der Rechtsbranche seien aber auch eine Chance, so Martinetz weiter. Denn die zunehmende Effizienz bringe mehr Zeit der Anwälte für ihre Mandanten mit sich.

Der Markt wird wachsen

Und diese Zeit werden sie auch brauchen. Die Anfragen und Bedürfnisse der Mandanten werden nämlich Martinetz zufolge immer spezialisierter. "Die Datenschutzgrundverordnung zum Beispiel kann man nicht mehr einfach so nebenbei mitmachen", sagt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Dadurch werde der Markt wachsen - und der Preis mitunter sinken. "Er wird vor allem differenzierter", sagt Martinetz. Standardisierte Verfahren könnten somit billiger und auch schneller, komplizierte Verfahren, bei denen Expertise gefragt ist, teurer werden.

Dass Technologie in den Anwaltskanzleien Platz greift, sieht man freilich schon jetzt. In den USA setzt bereits eine der größten Kanzleien, BakerHostetler, das IT-System Ross von IBM in der Insolvenzabteilung ein, das Antworten auf juristische Fragen liefert. Dahinter steckt künstliche Intelligenz, die mit jedem Einsatz mehr Daten aufsaugen und dazulernen kann. In Österreich wiederum kommunizieren Anwälte und Gericht schon seit etwa einem Jahrzehnt elektronisch - in der Schweiz werden noch immer Briefe verschickt.

Nun sei aber die Zeit gekommen, dass man das Personalmanagement, das diesen Anforderungen entspricht, in Angriff nimmt, ergänzt Bianca Flaschner, Leiterin Human Resource Management bei PwC People and Organisation. "Die Personalisten müssen sich zusammensetzen und überlegen, welche Mitarbeiter künftig wie qualifiziert sein müssen", sagt sie. Große Kanzleien hätten vermutlich IT-Techniker im Team, mittelgroße und kleinere könnten Sharing-Modelle überlegen. Mit der zunehmenden Digitalisierung gehe ohnehin eine intensivere Vernetzung einher. Die Rolle des Anwalts selbst wird laut Flaschner neben dem rechtlichen Tagesgeschäft eine technische Komponente umfassen. Mit dem Aufbrechen festgefahrener Abläufe und Strukturen in den Kanzleien werden diese auch ihre physische Form verändern. "Die Frage wird sein: Wie viel Büro brauche ich noch für welche Funktionen - die optimale Arbeitsumgebung von IT-Menschen ist anders als von Juristen", sagt Martinetz. Der benötigte Stauraum für Akten und Papier und auch die dahinterliegenden Prozesse der Dokumenterfassung und -bearbeitung zwischen Anwalt und Mandanten würden jedenfalls mit elektronischen Dokumenten schrumpfen. Und die Vielfalt der involvierten Jobs mache fachübergreifendes Projektmanagement notwendig.

Vertrauen bleibt wichtig

Das persönliche Gespräch zwischen Anwalt und Mandant werde aber immer wichtig sein, sagen Martinetz und Flaschner unisono, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Freilich könne man auch viel weiterhin auf telefonischem Weg erledigen, ein Büro werde es aber wohl weiterhin geben. Ob sich ein Chatroom zwischen Mandanten und Anwalt durchsetzt, sei eher fraglich.

Dass Konzipienten, die derzeit zu einem großen Teil Standardaufgaben übernehmen, durch die Technisierung zu kurz kommen werden, glaubt Flaschner nicht. Ganz im Gegenteil. "Beim Wegfall von Routinearbeiten können sie schon viel früher aktiv in die Arbeitsabläufe des Anwalts eingebunden werden", sagt Flaschner. Nur so könnten sie adäquat qualifiziert werden. Das könne man mit dem Berufsbild des Sekretärs vergleichen, das durch den Einsatz von Spracherkennungsprogrammen bereits verändert wurde. Die Schreibkräfte von früher hätten eine Entlastung und Aufwertung erfahren. Ähnlich werde es bei den Konzipienten sein.

Dass die Kanzleien der Zukunft zwingend von jungen Juristen geführt werden, glaubt Martinetz nicht. Diese Entwicklung sei keine Frage des Alters, sondern der Bereitschaft dazu.

Am Mittwoch, 10. Mai, findet zu diesem Thema die von der Plattform Future Law organisierte Veranstaltung "Employee 4.0 - digitale Arbeitskraft statt Man-Power?" in der Labstelle, Lugeck 6 in der Wiener Innenstadt statt. Eine Anmeldung ist erforderlich unter event@future-law.at