Wien. Der vor Kurzem veröffentlichte Bericht des Brustkrebsfrüherkennungsprogramms (BKFP) löst bei Experten Kritik aus. Vertreter der Österreichischen Gesellschaft für Senologie (ÖGS) - ein interdisziplinäres Forum für Brustgesundheit - äußerten am Donnerstag vor Journalisten gleich mehrere Bedenken: Es würden noch viel zu wenige Frauen die Untersuchungen in Anspruch nehmen, Ärzte seien zu wenig in das Programm involviert, und eine Bewertung des Programms sei mangels Daten nicht möglich.

Das BKFP startete im Jänner 2014, bis Ende 2015 ließen sich 54 Prozent der Hauptzielgruppe - Frauen zwischen 45 und 69 Jahren - untersuchen. Das Ziel waren 70 Prozent. Für Alexandra Resch, Strahlentherapeutin und Präsidentin der ÖGS, ist das Ergebnis dennoch "nicht so schlecht". Kritische Frauen, die in den Mammographien ein Risiko sehen, würden bewusst nicht kommen. Viele würden von der Möglichkeit jedoch noch nichts wissen. In der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen, die ein hohes Risiko hätten, sei die Teilnahmequote besonders niedrig. "Die Berichterstattung zielt vor allem auf Junge ab, es braucht hier neue Kommunikationswege", sagt Resch.

Anonyme Briefe


Dass die betroffene Zielgruppe nicht adäquat informiert wird, hat laut Christian Singer, Gynäkologe und Vizepräsident des ÖGS, mehrere Gründe. "Es begann mit anonymen Briefen, damit die Nachbarn der Empfänger das Alter nicht erfahren." Die Briefe wurden von vielen Frauen jedoch entsorgt. Die Landärzte seien ein wichtiger Faktor in der Bewusstseinsbildung und müssten stärker einbezogen werden.

Der erste Teil des Programms, das Screening, funktioniert laut ÖGS gut, der zweite Teil, die Dokumentation, jedoch nicht. Was das Programm bisher tatsächlich gebracht habe, könne man daher nicht sagen. Jene, die die Abklärungsuntersuchungen machen - zum Beispiel Spezialisten in Spitälern -, fühlten sich dem Programm nicht zugehörig und geben ihre Erkenntnisse nicht weiter, etwa wie viele Karzinome tatsächlich gefunden wurden und wie diese aussahen.

Das Programm kämpft noch mit einem anderen Problem: "Jede diagnostische Untersuchung hat eine gewisse Treffsicherheit", sagt Angelika Reiner, Pathologin und Vizepräsidentin der ÖGS. Wenn ein Radiologe etwas Verdächtiges finde, leite er eine weitere Untersuchung ein. Wenn es sich um falschen Alarm handle, werde sofort aufgeschrien und ein Drama daraus gemacht. Bei Blutzuckeruntersuchungen sei das zum Beispiel nicht der Fall, bei Mammographien schon. "Weil Brustkrebs emotional besetzt wird", sagt Reiner.

Steigende Teilnehmerzahl


"Viele glauben, Patientinnen bekämen Behandlungen, die sie gar nicht brauchen", sagt Singer. Ein falscher Alarm würde aber in den meisten Fällen gar nicht zu einer Gewebeentnahme und deren Untersuchung führen, sondern rechtzeitig erkannt werden.

"Es stimmt, dass die Teilnahmequote 2014 und 2015 bei den 60- bis 69-Jährigen noch nicht optimal war", sagt Romana Ruda, Leiterin des BKFP. Sie kann jedoch beruhigen: Laut aktuellen Zahlen haben 2016 deutlich mehr Frauen aus dieser Gruppe an den Früherkennungsuntersuchungen teilgenommen, nämlich 122.000. In den beiden Jahren davor waren es insgesamt 188.000. "Die Steigerung ist durch gute Kommunikationsmaßnahmen gelungen", sagt Ruda.

Seitens der Radiologen gebe es Daten, seitens der Bewertung in den Spitälern noch nicht. Hier hake es an der Technik und an den Ressourcen. Bund, Länder und die Sozialversicherung müssten etwas in die Wege leiten. "In letzter Zeit hat sich hier allerdings etwas getan", sagt Ruda.