Wien. "Beim Pennälertag 2015 in Salzburg wurde ich selbst attackiert, als ich in Couleur auf der Straße unterwegs war. Da ist mir jemand nachgelaufen und hat mir ins Genick gespuckt", erzählt Walter Gröblinger, der Vorsitzende des österreichischen Mittelschülerkartellverbands (MKV). Insofern ist es wenig verwunderlich, dass manche der rund 20.000 Mitglieder (Pennäler) der mehr als 160 farbentragenden katholischen Studentenverbindungen, die in diesem Dachverband organisiert sind, sich scheuen, in der Öffentlichkeit Farbe zu bekennen, wenn sie nicht in größeren Gruppen unterwegs sind.

Denn obwohl der MKV - so wie auch der katholische Österreichische Cartellverband (ÖCV), dessen rund 13.000 Mitglieder zumindest die Matura haben sollten - einer der größten Schüler- und Absolventenverbände Österreichs ist, haftet den Studentenverbindungen immer noch der Nimbus von Geheimbünden an, zumal ihre Mitglieder einander mit Spitznamen (inspiriert von historischen Persönlichkeiten, fiktiven Figuren oder auch schlicht Nonsense) ansprechen. Suspekt ist vielen auch das militaristische Auftreten der sogenannten Chargierten mit altertümlichen Uniformen samt Barett oder Cerevis und stumpfen Klingen (eine Reflexion auf die Zeit, als Studenten das Recht hatten, Waffen zu tragen, ehe es ihnen nach zahlreichen Vorfällen verboten wurde). Dazu kommt der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit, weil weder MKV noch ÖCV weibliche Mitglieder haben - allerdings gibt es den Verband farbentragender Mädchen (VfM). Weiters gelten Studentenverbindungen als Hort von Seilschaften und als Brutstätte für Alkoholmissbrauch. Und, wahrscheinlich am gravierendsten: Optisch unterscheiden sich katholische Couleurstudenten kaum von schlagenden Burschenschaftern, denen sie jedoch ablehnend gegenüberstehen.

Insofern wird es wieder eine Bewährungsprobe für die mehreren tausend Pennäler, die zu Pfingsten beim MKV-Jahrestreffen in Wien dabei sind (es findet jedes Jahr in einem anderen Bundesland statt), auch wenn der Anlass ein erfreulicher ist: Feiert doch der MKV heuer das 75-jährige Jubiläum des Pennälertags (www.pt17.at). Die älteste (heute nicht mehr bestehende) MKV-Verbindung wurde bereits 1859 gegründet. Dies erklärt auch den Hang zur Traditionspflege - auch wenn die Website www.mkv.at soeben einem Redesign unterzogen wurde.

Ein Stadt-Land-Gefälle


Was die Akzeptanz betrifft, sieht der MKV-Vorsitzende ein Stadt-Land-Gefälle: "In kleineren Gemeinden sind Studentenverbindungen oft ins gesellschaftliche Leben integriert. Da ist es selbstverständlich, dass die Chargierten bei der Fronleichnamsprozession den Himmel tragen. Vielleicht ist sogar der Bürgermeister Verbindungsmitglied, das ist man ja ein Leben lang. Und die Jugend trifft sich nach der Schule auf der Bude der Verbindung. Je größer die Stadt, desto schwieriger ist es."

Wer etwa in Wien mit Band und Deckel (Schirmmütze) oder gar in der Wichs (wie die Chargierten-Uniformen genannt werden) an einer Fronleichnamsprozession teilnimmt, wird oft scheel beäugt. "Dabei ist es im Grunde nichts anderes, als wenn die Pfadfinder in ihren Uniformen auftauchen", meint ein MKVer, der sich an einen Gedenkgottesdienst im Stephansdom mit dem Wiener Erzbischof für die Opfer des Nationalsozialismus vor einigen Jahren erinnert: "Da waren etliche Couleurstudenten dabei, und wir haben auch mehrere Abordnungen an Chargierten gestellt, als Zeichen der Ehrerbietung der Kirche gegenüber, schließlich ist der Glaube eines unserer vier Prinzipien, neben Lebensfreundschaft, Bekenntnis zur Heimat und Liebe zur Wissenschaft. Als dann die Kolonne aus dem Dom ausgezogen ist, wurden wir von denselben Leuten, die drinnen mit uns gebetet hatten, draußen angepöbelt und als Nazis und Faschisten beschimpft. Ich dachte, ich träume. Wir sind doch die Guten!"

Tatsächlich wurden MKV und ÖCV in der NS-Zeit verboten. Das erklärt auch, warum der 1933 anlässlich des Katholikentags gegründete MKV erst den 75. Pennälertag begeht. Von Beginn an war übrigens den Couleurstudenten die NSDAP-Mitgliedschaft verboten. Viele waren auch im Widerstand aktiv und landeten im KZ. So auch der spätere Bundeskanzler Leopold Figl, (Ehren-)
Mitglied in zwei Dutzend MKV- und ÖCV-Verbindungen und gemeinsam mit Julius Raab Gründungsmitglied der Gymnasialverbindung Nibelungia St. Pölten.

Gröblinger meint dazu: "Es war immer schon extrem schwierig, und je sichtbarer heute die Freiheitlichen und damit auch die Schlagenden in der Öffentlichkeit auftreten, desto schwieriger wird es für uns." Der MKV-Vorsitzende ist es allerdings leid, sich ständig abgrenzen zu müssen. "Die Strategie kann nicht sein, zu erklären, wer wir nicht sind. Sondern wir versuchen über Sozialprojekte und kirchliche Arbeit zu zeigen, wer wir sind. Und durch viele, viele Gespräche rund um öffentliche Auftritte. Wir sehen es als katholische Couleurstudenten als unsere Aufgabe, einen gesellschaftspolitischen Beitrag zu leisten." Zum Beispiel gibt es heuer eine Arbeitsgruppe zur Generationengerechtigkeit, die sich besonders zu leistbarem Wohnen Gedanken macht und Forderungen, aber auch Lösungsvorstellungen erarbeitet. Und im Rahmen des Pennälertags gibt es im Wiener Rathaus eine Podiumsdiskussion mit dem Titel "A wie Abfall, Z wie Zukunft" zum Thema Umweltschutz. Zudem wurde der Pennälertag als "Green Event" zertifiziert. "Es muss unser gemeinsames Ziel sein, unsere Themen einer breiteren Öffentlichkeit klarer zu präsentieren", meint der Verbandsvorsitzende selbstkritisch.