Wien. Mit einem mittleren Jahresniederschlag von nur 515 Millimeter gilt das Marchfeld in Niederösterreich seit jeher als klassisches Trockengebiet. Mindestens doppelt so viel wäre für die Landwirtschaft gut. Seit 1992 sind zumindest die Gemüse- und die Hackfrüchtefelder wie Mais- und Sojabohnenfelder nicht mehr ganz so trocken: Damals wurde der Marchfeldkanal, der den Rußbach mit Donauwasser flutet, nach fast zehnjähriger Bauzeit in Betrieb genommen.

Bewässert habe man das Marchfeld schon seit den 1950er Jahren, sagt Wolfgang Neudorfer, Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft Marchfeldkanal, zur "Wiener Zeitung". Das Grundwasser, das man damals verwendete, wurde aber weniger, der Spiegel sank.

"Man stand vor der Entscheidung, die Grundwasser-Reserven zu schonen und trockene Gebiete in Kauf zu nehmen oder zu bewässern", erzählt Neudorfer. Und man beschloss, zu bewässern, "um das landwirtschaftliche Potenzial der Region aufrechtzuerhalten". Umgerechnet 198 Millionen Euro flossen schließlich in die Errichtung des Marchfeldsystems, das unter anderem mit dem Kauf der Grundstücke sowie dem Bau der Wehranlagen und 46 Brücken einherging. Der Bund schoss 45 Prozent direkt zu, das Land Niederösterreich 10. Zudem kamen 15 Prozent aus dem Katastrophenfonds des Bundes und 30 Prozent aus dem Umwelt- und Wasserwirtschaftsfonds, der von Bund und Land gespeist wird.

Konkret wurden der bestehende Rußbach und der Stempfelbach verändert und der Marchfeldkanal und der Obersiebenbrunner Kanal errichtet. Das Marchfeldsystem ist heute rund 80 Kilometer lang. Etwa 10 Kilometer des 18 Kilometer langen Marchfeldkanals verlaufen durch Wien. Durch diesen fließen rund 6000 Liter Donauwasser pro Sekunde in den Rußbach.

Bis zu 28.000 Hektar Felder
werden jährlich bewässert

Das Marchfeld hat laut Neudorfer eine landwirtschaftliche Nutzfläche von rund 70.000 Hektar, die zum größten Teil mit Bewässerungsanlagen ausgerüstet ist. Jährlich würden bis zu 40 Prozent (28.000 Hektar) dieser Fläche mit Oberflächenwasser aus dem Marchfeldkanal und mit Grundwasser bewässert.

Getreidefelder fielen üblicherweise nicht darunter, so Neudorfer, lediglich bei Hartweizen, der für Nudeln verwendet wird, bilde sich der Aufwand auch wirtschaftlich ab. Grundsätzlich bewässert würden Hackfrüchte wie Mais und Sojabohnen sowie Gemüse, angefangen von der Karotte bis hin zu Grünerbsen und Spinat.

Landwirte, die Beregnungsmaschinen oder Rohrberegnung in Anspruch nehmen, müssten einen Brunnen schlagen, die Bewilligung für die Anlage einholen und diese selbst aufbauen. Rohrberegner bewässern streifenförmige Flächen. Beregnungsmaschinen sind eigentlich ausgezogene Schläuche mit einem Regner an deren Ende, die motorisch auf eine Rolle gewickelt werden und so das Feld beregnen.

Das Besondere am Marchfeldkanal sei allerdings, sagt Neudorfer, dass er nicht nur eine Bewässerung ermögliche, sondern mit ihm auch ein Naherholungsgebiet geschaffen wurde. Zudem habe man durch den Umbau der Hänge des davor stark degradierten Rußbaches die Hochwasserwahrscheinlichkeit bei plötzlichem Starkregen gesenkt. Entlang der Gewässer seien Brutbiotope für zahlreiche Vogelarten wie Nachtigallen entstanden. Dass sich nun zunehmend Biber ansiedeln und diese zum Teil getötet werden müssen, weil sie Schäden verursachen, ist laut Neudorfer ein Problem des gesamten Donauraums.