Wien/Kiew. (apa/dab) Das Tauziehen um die Auslieferung von Peter Seisenbacher geht weiter. Der international gesuchte Doppelolympiasieger war Anfang August in Kiew festgenommen worden. Am 8. September wurde er aus der Auslieferungshaft entlassen. Nun wurden Details zum Hintergrund dieser überraschenden Entscheidung bekannt: Die Behörden in Kiew gehen von einer Verjährung der Delikte aus, die dem Ex-Judoka Seisenbacher von der Staatsanwaltschaft Wien vorgeworfen werden.

Seisenbacher soll nach seiner aktiven Karriere in einem Wiener Judo-Verein zwischen 1997 und 2004 zwei im Tatzeitraum jeweils unmündige Mädchen missbraucht haben. In Österreich wird ihm das Verbrechen des schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen zur Last gelegt. Zur Hauptverhandlung in Wien im Dezember 2016 erschien er allerdings nicht - stattdessen tauchte er in der Ukraine unter.

In der ersten Kiewer Gerichtsverhandlung nach seiner Festnahme wurden die in Österreich inkriminierten Delikte nach dem ukrainischen Strafrecht als Vergewaltigung sowie Missbrauch von Minderjährigen qualifiziert. Diese Rechtsauffassung wurde revidiert: Die ukrainischen Behörden gehen nun "nur" mehr vom Missbrauch von Minderjährigen aus.

Diese Differenzierung ist entscheidend. Die Missbrauchsvorwürfe verjähren nach ukrainischem Recht nach fünf beziehungsweise zehn Jahren. Sollten die Behörden in Kiew bei ihrer rechtlichen Beurteilung bleiben, wäre Seisenbachers Auslieferung unzulässig. Die Vergewaltigung würde unter erschwerenden Umständen hingegen erst nach 15 Jahren verjähren - und damit eine Auslieferung ermöglichen.

Der Tatbestand der Vergewaltigung wird ihm jedoch auch nicht von der Staatsanwaltschaft Wien vorgeworfen. In einer der Apa vorliegenden Darstellung aus Kiew ziehen die Behörden daher den Schluss: Die Seisenbacher zum Zeitpunkt der österreichischen Anklageerhebung im Herbst 2016 vorgeworfenen Straftaten sind bereits verjährt.

Eine finale Entscheidung gibt es aber noch nicht. Besonders schwere Fälle von Kindesmissbrauch könnten nach ukrainischem Recht auch unter den Vergewaltigungs-Paragrafen fallen, heißt es aus dem österreichischen Justizministerium. Die Justiz geht davon aus, dass sich Seisenbacher weiterhin in Kiew aufhält.