Wien. Hanna Fiedler war Lebens- und Sozialberaterin - bis vor zwei Jahren. Dann musste sie ihren Job aufgeben, um ihren Mann zu pflegen. Er ist heute 69 und leidet an einer frontotemporalen Demenz. Bei dieser seltenen Form der Krankheit zerstören sich die Nervenzellen im vorderen und seitlichen Bereich des Gehirns, das Sozialverhalten und die Umgangsformen gehen verloren.

Hanna Fiedlers Mann hat in fast allen Gasthäusern, die in der Nähe seiner Wiener Wohnung liegen, Lokalverbot. Auch im nahegelegenen Supermarkt will man ihn nicht mehr sehen. Denn Franz Fiedler kann aufgrund seiner Krankheit nicht mehr erkennen, welches Verhalten adäquat ist und welches nicht. So sagt er der Kassiererin im Supermarkt, dass sie an der Stange tanzen soll, wenn sie mehr Geld verdienen möchte und verlangt im Wirtshaus schon beim Eintreten brüllend ein Bier.

Zu Beginn hat Hanna Fiedler geglaubt, ihr Mann mache ihr etwas zu Fleiß und wolle sie ärgern, wenn er in ihrer Gegenwart schamlos mit anderen Frauen geflirtet hat. Denn durch die frontotemporale Demenz bekommen Triebe mehr Raum.

Doch mit der Zeit ist der Zorn gewichen. Seit drei Jahren hat ihr Mann aufgrund eines Krankenhausaufenthaltes wegen eines kleinen Schlaganfalls nun eine Diagnose. "Den Mann, den ich geheiratet habe, gibt es nicht mehr. Ich habe ein pubertierendes Kind in die Familie bekommen, das ich mir nicht gewünscht habe, aber das ich langsam liebgewonnen habe", sagt Hanna Fiedler.

So oder so ähnlich wie der 55-Jährigen geht es vielen Frauen in Österreich. Der durchschnittliche pflegende Angehörige ist weiblich und etwa 61 Jahre alt. 452.800 Menschen beziehen zurzeit Pflegegeld, 130.000 Personen leiden an Demenz. Um die Interessen der Angehörigen zu vertreten, gibt es seit mittlerweile sechs Jahren die Interessengemeinschaft der pflegenden Angehörigen (IG Pflege). Die sechste Jahreskonferenz, die am Donnerstag in Wien stattgefunden hat, wurde dem Thema Demenz gewidmet.

Pflegende Angehörige verlieren ihre sozialen Kontakte


"Es passiert oft, dass nicht nur die Demenzkranken in eine innere Isolation geraten. Auch ihre pflegenden Angehörigen verlieren ihre sozialen Kontakte, sie ziehen sich mit dem kranken Menschen zurück", sagt die Präsidentin der IG-Pflege Birgit Meinhard-Schiebel. Die IG-Pflege versucht Wege zu finden, wie man Betreuende und Pflegende begleiten und unterstützen kann. "Es geht etwa darum, für pflegende Angehörige zeitliche Freiräume zu schaffen", sagt Meinhard-Schiebel.