Wie sieht es mit der Presse- und Informationsfreiheit nun aus?

Die Medien waren sehr lange sehr unterdrückt. Internet, Facebook sind heute frei zugänglich. Früher hat man jedem nachspioniert. Da gab es so eine Zentralstelle, die, wann immer man kommuniziert hatte, einen sofort lokalisiert haben. Das gibt es jetzt nicht mehr.

2005 hat die Regierungspartei Nichtregierungsorganisationen nach Wahlverlusten aus dem Land verbannt.

Der Deckmantel des Gesetzes war, dass NGOs, die sich für Menschen- und Frauenrechte einsetzten, zu 90 Prozent aus äthiopischen Geldern finanziert werden mussten. Das war de facto unmöglich. Tausende von NGOs wurden so aus Äthiopien hinausgeworfen.

Was bedeuteten diese Änderungen für Äthiopien?

Das Wichtigste ist, in Frieden zu leben, im eigenen Land keine Angst zu haben. Wenn man nicht weiß, was hinter seinem Rücken passiert. Wenn man ins Gefängnis kommt, ohne zu wissen, warum. Da geht es wirklich um den Sinn des Lebens, die nackte Existenz. Wenn wirklich diese drei Gesetze aufgehoben werden, ist alles, was danach kommt, schon fast egal. Ohne diese drei Gesetze werden sich die Menschen frei fühlen. Denn das ist das Wichtigste, was Menschen brauchen: Freiheit. Die Redefreiheit. Die Pressefreiheit. Die Versammlungsfreiheit. Früher konnten wir nicht einmal bei einem ausgerufenen Notfall unsere Bauern mobilisieren, weil man nicht zu mehr als fünf Personen auf einmal sprechen durfte.

Außenpolitisch hat sich ebenfalls einiges getan, seit der neue Premier an der Macht ist. Nach 20 Jahren wurde auf einmal Frieden mit Eritrea geschlossen.

Ja, jetzt können sich Eritreer und Äthiopier frei in diesen beiden Ländern bewegen, sie brauchen nicht einmal einen Pass dafür. Auch mit Somalia kam es zu einer Entspannung. Doktor Abiy versucht auch, zwischen Dschibuti und Eritrea zu vermitteln, damit es auf dem Horn von Afrika zu Frieden kommt. Und wirtschaftlich hat Abiy auch die bisher unberührbare äthiopische Telekom zur Teilprivatisierung geöffnet, genauso wie die Ethiopian Airlines und die Energieunternehmen. Private Investoren aus dem In- und Ausland können je 50 Prozent an diesen Unternehmen kaufen. Das sind Maßnahmen, von denen die Regierung zuvor gesagt hatte: Nur über unsere Leiche würden wir das zulassen.

Sie arbeiten seit 37 Jahren für "Menschen für Menschen" und waren bei den Anfängen mit Karlheinz Böhm dabei. Wie haben sich die Herausforderungen in Äthiopien verändert? Was versprechen sich Ortschaften, die eine Projektregion von MfM werden wollen und dann über Jahre hinweg betreut werden?

Es sind noch immer die Grundbedürfnisse, die wir abdecken müssen. MfM geht nur in Regionen, in denen sonst keine andere NGO tätig ist. Damit sind wir vor allem dort, wo es keine Straßen gibt, kein Minimum an Versorgung, keine Infrastruktur, das absolute Hinterland. Und die Regionen, die sich heute als Projektregion bewerben, haben dieselben Bedürfnisse, wie es jene hatten, mit denen wir vor 37 Jahren angefangen haben: Wasser, Nahrung, Bildung, medizinische Grundversorgung und Perspektiven.