Brasilia. Kurz vor dem Gespräch bekommt Flávio Machados zwei hässliche Fotos per Whatsapp zugesandt. Sie stammen aus dem Indigenen-Reservat Dourados in Mato Grosso do Sul, einem Bundesstaat im Südwesten Brasiliens. Dort leben Angehörige des Volks der Guarani Kaiowá auf engstem Raum zusammengepfercht. Ihr ursprüngliches Land wurde von der brasilianischen Regierung im Lauf des 20. Jahrhunderts an Bauern und Agrarkonzerne vergeben.

Auf den Bildern, die Machado erhalten hat, sind Schusswunden zu sehen. Zwei Kugeln haben das Bein eines Mannes getroffen, es ist stark angeschwollen. "Offenbar hat ein weißer Großbauer auf einen Guarani Kaiowá geschossen", sagt Machado. "Das berichten die Angehörigen des Mannes." Viel mehr weiß er bisher nicht. "Aber wir vom Cimi werden das untersuchen!"

Machado arbeitet in Mato Grosso do Sul für den Cimi, den Conselho Indigenista Missionário (Indigener Missionsrat). Der Cimi, der von der brasilianischen Bischofskonferenz und auch von der Dreikönigsaktion detr Katholischen Jungschar unterstützt wird, ist mit circa 200 Mitarbeitern im ganzen Land - sie nennen sich Missionare - die größte Interessenvertretung der Ureinwohner. Vor rund einem Jahr hat der Autor Machado bei der Recherche in Mato Grosso do Sul getroffen, nun telefoniert er wieder mit ihm.

Kultur und Lebensweise in
der Amazonasregion in Gefahr

Mehr als 300 verschiedene indigene Gruppen sind in Brasilien heute erfasst, sie zählen zusammen rund eine Millionen Menschen. Aber ihre Kultur und Lebensweise ist in Gefahr, weil die Agrarindustrie, Minenkonzerne und Holzfäller immer stärker auf eine Öffnung ihrer Territorien drängen. Dies ist vor allem in der Amazonasregion der Fall, in der 60 Prozent der Ureinwohner Brasiliens leben und 98 Prozent ihrer gesetzlich geschützten Flächen liegen.

An vielen anderen Orten kämpfen die Indigenen demgegenüber um die Rückgabe und Markierung ihres Landes, das ihnen über die Jahrzehnte hinweg genommen wurde. Diese Situation herrscht in Mato Grosso do Sul, der Heimat der Guarani Kaiowá. Das brasilianische Bundesland von der Größe Deutschlands ist weitenteils entwaldet und von Sojafeldern, Eukalyptusplantagen und Rinderweiden bedeckt. Die Guarani Kaiowá hat man in ärmliche, häufig abgelegene Siedlungen gesteckt und sich selbst überlassen. In den Siedlungen herrschen hohe Arbeitslosenraten, die Zahl der Morde und auch Selbstmorde ist enorm, ebenso die Verbreitung von Alkoholismus und Krankheiten. "Sie leben unter Bedingungen, die zum Verschwinden ihrer Kultur und letztendlich ihres Volkes führen werden", sagt Machado. Im September hat der Cimi deswegen vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf auf das Risiko eines schleichenden Völkermords hingewiesen.