Die Abdullahs leben seit vier Jahren mit 16.000 anderen Jesiden in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Dohuk im nordirakischen Kurdistan. Rund um Dohuk gibt es 17 solcher Lager für alle, die durch den IS oder den Krieg gegen die Terrororganisation ihre Heimat verloren: auch Muslime und Christen. Rund um die Lager erstrecken sich sanfte Bergketten, es gibt viel Sand und wenig Vegetation, doch das sich auf den sandigen Bergen brechende Licht taucht alles in einen warmen Schein. In anderen Zeiten, unter anderen Umständen, könnte man die stille Schönheit dieser Landschaft bewundern.

Wiederaufbau von Sindschar geht nur schleppend voran

In all diesen Lagern stehen die Zelte in langen Reihen dicht an dicht, durchbrochen nur von kleinen Lebensmittelgeschäften, Friseuren, Reparaturwerkstätten, kleinen Gemüsegärten oder einem Stück Acker, auf dem Schafe weiden. Es gibt schlimmere Lager auf der Welt, doch was nützt das jenen, die hier leben und kaum Aussicht auf Rückkehr in ihre Heimat haben.

Die Tatsache, dass die Jesiden noch immer Flüchtlinge sind, obwohl die internationale Gemeinschaft doch Millionen für den Wiederaufbau des Nordiraks spendete, ist eng verwoben mit der Politik des Iraks. Zum einen ist eine Rückkehr in ihre Heimat schwierig, da umstritten ist, zu wem die Stadt und der Distrik Sindschar gehören: zum Irak oder zum autonomen Kurdistan. Da die Frage bislang nicht geklärt ist, geht der Wiederaufbau nur schleppend oder gar nicht voran. Zum anderen gehen die Gelder an die Zentralregierung nach Bagdad, werden von dort zugeteilt - oder eben nicht. Meist eben nicht. Und dann ist da noch immer die Furcht vor neuem Terror. "Der IS ist in der Fläche besiegt, aber das heißt ja nicht, dass er fort ist", sagt Almaz’ Vater Hasan Abdullah. Der 73-Jährige fürchtet nicht nur Anschläge von Splittergruppen, er kann sich vor allem kein Zusammenleben mit Arabern mehr vorstellen. "Sie waren unsere Nachbarn und dann haben sie uns an den IS verraten. Wer garantiert mir, dass sie es nicht wieder tun?"

Hasan Abdullah ist auch im Lager das Oberhaupt der Familie, sein Wort ist Gesetz. In seiner Gegenwart schweigen die Frauen. Ihm obliegt es, von den politischen Dingen zu reden und von der ökonomischen Notlage im Lager. "Unter dem IS haben alle gelitten. Auch die Moslems und die Christen. Uns hat man versucht, auszulöschen. Es ist nicht gelungen, aber nun werden unsere Seelen ausgelöscht, weil wir keine Heimat, keine Herden und keine Traditionen mehr haben. Wir sind nur noch Flüchtlinge."

Dass er seine 21-köpfige Familie kaum ernähren kann, schmerzt den alten Mann. "Früher waren wir nicht reich, aber wir hatten alles, was wir brauchten, und auch noch etwas, um es an Arme zu verschenken. Jetzt sind wir wie Bettler." Weil nur zwei seiner Söhne Arbeit haben und das nicht reicht, hat er den Mädchen erlaubt, im Sommer bei den Bauern auf dem Feld Kartoffeln zu ernten: für 50 Cent die Stunde. Für Almaz war es dennoch endlich einmal Freiheit und einige Stunden ohne die Familie. Denn auch einkaufen dürfen die Frauen der Abdullahs nicht allein gehen. Es sei zu gefährlich, befindet Hasan Abdullah. Warum? Die Antwort bleibt kryptisch: Man wisse nie, ob "die" - und er meint den IS - sich nicht auch im Lager herumtrieben. "Ich traue niemandem mehr."