Dass der Familie die Flucht gelang, ohne dass jemand von ihnen starb und verschleppt wurde, grenzt an ein Wunder. Doch das Erlebte hat Spuren hinterlassen. Almaz hat einmal davon geträumt, Anwältin zu werden, jetzt hat sie nicht einmal einen Schulabschluss.

Die Abdullahs erhalten Hilfe von der internationalen Organisation Care, die in vier Flüchtlingslagern die Menschen versorgt. Zelte, Sanitäranlagen, Gesundheitszentren, Abfallentsorgung - alles, was eigentlich aus den internationalen Hilfsgeldern für den Wiederaufbau finanziert werden sollte, wird von NGOs bezahlt und ausgeführt. Auch wenn jede Familie inzwischen eigene Sanitäranlagen und Küchen hat, bleiben die Zelte doch Notunterkünfte, tauglich vielleicht für einige Monate, nicht aber für viele Jahre. "Die psychische Belastung der Enge und der Aussichtslosigkeit ist schlimm. In Verbindung mit den alltäglichen Problemen wird sie für manche unerträglich", sagt Care-Mitarbeiterin Nizhar Zubair Rmadhan, die sich im Flüchtlingslager um die Frauen kümmert.

Einmal im Jahr wird am Rande des Lagers des Todestages der 17-jährigen Maskin gedacht. In zwei großen Zelten sitzen die Kondolenzgäste, die Frauen in einem, die Männer im anderen. Große Platten mit Speisen werden gereicht. Masin, so erzählt es ihr Cousin Alexander, habe sich erhängt, weil sie ihre Depressionen nicht mehr aushielt. Und sie sei nicht die Einzige - viele brächten sich um, vor allem junge Leute, die keine Lebensperspektive mehr sähen. Die Jesiden seien von der Welt vergessen, daran ändere der Nobelpreis für Nadja Murat auch nichts. "Seit Jahren kommen hier Journalisten, Delegierte, ausländische Politiker her, jeder bringt Versprechen, aber nichts wird besser. It is a fucking life." Er wolle nur noch fort, ein Zuhause könne es für die Jesiden ohnehin nicht mehr geben. "Zurück können wir nicht, hier bleiben auch nicht. Das ist doch keine Heimat hier, das ist die pure Verzweiflung."