Mumbai. Ich vermisse meine Kinder so sehr", sagt Kanaka Durga. Die 39-jährige Regierungsangestellte aus Kerala hatte Geschichte geschrieben, als sie mit einer anderen Frau den Sabarimala-Tempel mit Polizeischutz betreten hatte. Das südindische Heiligtum hielt ein Verbot für Frauen zwischen 10 und 50 Jahren aufrecht, obwohl Indiens Oberstes Gericht die Praxis des hinduistischen Schreins für verfassungswidrig erklärt hatte. Indien befindet sich im Umbruch. Auf der einen Seite nimmt die Gewalt gegen Frauen zu, auf der anderen Seite sind die Opfer nicht mehr bereit, alles mit sich machen zu lassen. Und diese neue Haltung könnte ausgerechnet die hindunationalistische Regierung von Premierminister Narendra Modi in Schwierigkeiten bringen.

Nach einem Tempelbesuch von der Familie verprügelt und verstoßen: K. Durga. - © reu/V. Sivaram
Nach einem Tempelbesuch von der Familie verprügelt und verstoßen: K. Durga. - © reu/V. Sivaram

Der Tempel-Besuch zu Jahresbeginn veränderte das Leben von Kanaka Durga drastisch. Doch sie bereue es nicht, sagt sie, und würde es wieder tun - trotz der persönlichen Opfer. Bei ihrer Rückkehr wurde sie von ihrer Schwiegermutter mit einer Holzlatte krankenhausreif geprügelt und musste im Spital behandelt werden. Ihre Familie, die nicht in den Tempel-Besuch eingeweiht war, beschuldigte sie, die Tradition gebrochen und Schande über die Familie gebracht zu haben. Am Ende musste die Bundesregierung von Kerala die Mutter von 12-jährigen Zwillingen aus Sicherheitsgründen verstecken.

Erst mit einem Gang vor Gericht konnte Kanaka Durga ihre Rückkehr in ihr eigenes Haus erstreiten. Doch das Familiendrama ging weiter. Ihr Ehemann war samt der ganzen Familie ausgezogen und verweigerte jeden Kontakt. Erst in der vergangenen Woche durfte Kanaka Durga ihre Kinder für ein paar Stunden sehen. Sie lebt weiter zudem mit der Angst, dass radikale Hindus sie töten könnten, weil sie den Tempel mit ihrer Visite angeblich entweiht habe. Nach dem Besuch der beiden Frauen gab es tagelange Unruhen in dem südlichen Bundesstaat.

Dem Glauben nach durften Frauen im menstruationsfähigen Alter den Sabarimala-Tempel nicht betreten, weil der dort verehrte Gott unverheiratet ist und daher von Besucherinnen "verführt" werden könnte. Menstruierende Frauen gelten laut hinduistischer Tradition als unrein und dürfen weder an religiösen Riten teilnehmen noch Tempel besuchen. Im September 2018 hatte das Oberste Gericht Indiens erklärt, der Frauenbann des Tempels verstoße gegen die von der Verfassung garantierte Gleichbehandlung von Männern und Frauen. Doch extremistischer Hindus verwandelten den Sabarimala-Tempel, eines der größten Wallfahrtziele Indiens in den Westghats, daraufhin in eine Festung, um der Aufhebung des Frauenverbots durch das Oberste Gericht des Landes zu trotzen. Sie hinderten dutzende Frauen daran, bis zum Tempel zu gelangen, der auf einem Hügel in einem Waldstück liegt.

Kanaka Durga wirft der Regierung von Premierminister Modi vor und seiner Hindu-Partei BJP vor, ihre Familie bewusst gegen sie aufgehetzt zu haben. Der Chef der Bharatiya Janata Party, Amit Shah, Modis rechte Hand, hatte Anfang des Jahres eine scharfe Attacke gegen das Oberste Gericht Indiens geritten, nachdem die Richter das Frauenverbot im Sabrimala-Tempel gekippt hatten. Das Urteil zerstöre "den Glauben der Menschen", wetterte Shah. Das Gericht breche mit einer jahrhundertealten religiösen Tradition. "Es gibt viele Tempel in diesem Land, die nur für Frauen zugänglich sind", sagte Shah.

"Jahrhundertealte Tradition gerade ein paar Jahrzehnte alt"

Shahs Kritiker merkten an, dass die angeblich Jahrhunderte alte Tradition eher modern sei. Erst die Petition vor einem Gericht in Kerala 1991 erstritt die Regel, dass Frauen im Alter zwischen 10 und 50 das Heiligtum nicht betreten durften. Die jahrhundertealte Tradition sei allenfalls ein paar Jahrzehnte alt, schrieb die Politikerin Brinda Karat.

Nicht nur Kanaka Durga, auch andere indische Frauen wollen nicht länger Ungerechtigkeiten hinnehmen und dass man sie wie wertloses Privateigentum behandelt. Ende Februar machte eine Demonstration von 5000 Frauen in Mumbai Schlagzeilen - die Teilnehmerinnen aus allen Teilen Indiens hatten eines gemeinsam: Sie alle hatten sexuelle Gewalttaten überlebt. Die Frauen und Mädchen waren Opfer von Massenvergewaltigungen, Entführungen, Menschenhandel und Zwangsprostitution, manche waren als Hexen diffamiert und nackt durch ihr Dorf geführt worden, viele von ihnen wurden später von den Tätern eingeschüchtert und von ihren Familien verstoßen. Doch auch hier zeigt sich ein Umdenken. "Wir sind nicht im Unrecht, es sind die Täter, die Gesellschaft, die im Unrecht ist", sagt Bhanwari Devi aus Rajasthan. Sie selbst hatte vor 25 Jahren nach einer Massenvergewaltigung ein Urteil erreicht, dass nun als wegweisend bei Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz gilt.

"Wenn wir in so großer Zahl auf die Straße gegen, dann wird die Regierung dies zur Kenntnis nehmen", sagt Devi. "Der Kampf, für den ich im Kleinen in den Ring gestiegen bin, ist heute zu einer großen Bewegung unter dem Namen #MeToo geworden."

Der #MeToo-Slogan begann sich im Oktober 2018 auch in Indien auf Twitter wie ein Lauffeuer zu verbreiten. Den Anfang machte die ehemalige Schauspielerin Tanushree Dutta, die ihren Filmpartner Nana Patekar beschuldigte, sie bei den Dreharbeiten zu "Horn Ok Please" 2008 sexuell belästigt zu haben. Sie habe sich bereits unmittelbar nach dem Vorfall darüber beschwert, doch niemand habe sie ernst genommen, so Dutta. Als Reaktion darauf prangerten hunderte indische Frauen das ignorante Verhalten von Journalisten, Redakteuren, Schriftstellern, Komikern, Regisseuren und Schauspielern an. Auch Minister und Politiker blieben nicht verschont.

Rasch entfachte der Twitter-Trend eine Debatte über Macht, Konsens und moralische Mitschuld. Manche Frauen posteten obszöne Nachrichten und Fotos, die sie erhalten hatten, andere berichteten von Nachstellungen, angsteinflößenden Begegnungen bis hin zu sexuellen Übergriffen. Die #MeToo-Kampagne zeigte, wie weit verbreitet sexuelle Gewalt gegen Frauen weiterhin ist und wie oft diese als "Kavaliersdelikt" abgetan wird.

"Es ist wie eine Welle, die gekommen ist", sagt die indische Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Vrinda Grover aus Mumbai. "Bis jetzt haben solche Beschwerden nur Folgen für die Frauen gehabt. Nun ist es erstmals so, dass diejenigen, die sich danebenbenommen haben, die Folgen spüren."

Indien gilt als eines der gefährlichsten Länder für Frauen weltweit. In Dezember 2011 schockierten die bestialische Massenvergewaltigung und der Mord an der Studentin Jyoti Singh in einem Bus in der Hauptstadt Mumbai ganz Indien. Das Verbrechen löste wochenlange Proteste im ganzen Land aus und stieß eine Debatte über die Sicherheit von Frauen in Indien an, die bis heute anhält. In einer Studie der Thomson Reuters Stiftung landete das südasiatische Land mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern auf dem unrühmlichen ersten Platz. Grund dafür seien unter anderem die weitverbreitete sexuelle Gewalt, überkommene kulturelle Bräuche und Frauenhandel. Laut dem Gesundheitsministerium hat jede dritte Inderin ab ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal physische Gewalt erlebt.

Politikerinnen fordern Premier heraus

Indien schneidet auch bei der medizinischen Versorgung schlecht ab. Nur für 21 Prozent aller schwangeren Frauen gibt es eine Geburtsvorsorge - auf dem Land sind es sogar nur 17 Prozent. Indien hat die weltweit höchste Zahl von Frauen mit Eisenmangel. Schuld ist die Mangelernährung. Auf dem Lande ist es immer noch üblich, dass Frauen und Mädchen erst essen, wenn die männlichen Mitglieder der Familien versorgt sind. Die kulturelle Vorliebe für Söhne ist ungebrochen. Frauen sind in der zutiefst patriarchalischen Gesellschaft immer noch Bürger zweiter Klasse.

Doch bei den Parlamentswahlen im Mai sind es ausgerechnet drei Frauen, die die lange sicher geglaubte Wiederwahl von Indiens Premier Modi gefährden könnten: Die viermalige Ministerin des Bundesstaates Uttar Pradesh, Kumari Mayawati, Mamta Banerjee, die seit 2011 Ministerin des Bundesstaates West Bengalen ist, und die neue politische Hoffnung der Kongresspartei, Priyanka Gandhi, ein Spross der Nehru-Gandhi-Familie, die Indien die meiste Zeit seit der Unabhängigkeit politisch dominiert hat. "Die Opposition hat sehr viel mächtigere, weibliche Führungsfiguren als die Regierungspartei", meint Yashwant Sinha, ein ehemaliger Finanzminister und politischer Beobachter. "Die Opposition sollte daher in der Lage sein, die Wähler für sich zu überzeugen, besonders die Wählerinnen."