Kampala. Matthias Kamanya blickt durch sein Fernglas: "Siehst du den Elefanten unter dem Baum?", fragt er und sucht in der Dämmerung weiter die Umgebung ab. "Ich sehe nur einen, aber die anderen sind sicher nicht weit, um diese Zeit sind sie hungrig", sagt er. Der junge Ugander steht in einer 5-Sterne-Safarilodge auf der Veranda mit atemberaubender Aussicht über den Queen-Elizabeth-Park in Westuganda. Eben hat er den einzigen Gästen das Abendessen serviert, das im Übernachtungspreis von 320 Dollar (285 Euro) pro Person inbegriffen ist. Die Lodge schmiegt sich an einen Hang entlang der Grenze des Nationalparks, genau dort, wo die hügelige fruchtbare Landschaft in die trocken-heiße Savanne abbricht. Unterhalb der Lodge erstrecken sich die Äcker der Einwohner des Dorfes Katara: Maisfelder, Kaffeesträucher, Bananenplantagen. Die Ernte ist reif; ein Festmahl für Elefanten.

Die Savanne unterhalb der Felder ist der Lebensraum von Elefanten, Büffeln, Antilopen und Löwen - ein Schutzgebiet, in welchem laut Gesetz Menschen nichts zu suchen haben. Außer Touristen, die Geld für eine Safari-Tour bezahlen. Der Wildtier-Tourismus ist die größte Einnahmequelle für Ugandas Staatshaushalt, mehr als der Export von Kaffee, Tee, Baumwolle und Gold zusammen.

Elefanten vermehren sich rasant

Dorfvorsteher Januaro Twinomuhangi kommt jeden Abend vorbei, um sich mit Hilfe von Kamanyas Fernglas einen Überblick zu verschaffen. "Sie sind schon da", berichtet dieser. Der ältere Mann zückt sein Telefon und hastet den Hügel hinab. Seine Gummistiefel quietschen, der Leuchtreifen auf seinem blauen Regencape reflektiert das Licht der Taschenlampe. Per Telefon trommelt Twinomuhangi die Dorfbewohner zusammen: "Wenn sie uns wieder alles wegfressen, dann sind wir verloren", sagt er.

Der Queen-Elizabeth-Nationalpark ist einer jener Schutzgebiete in Afrika, in denen sich die Elefantenpopulation in jüngster Zeit extrem vermehrt hat: In zwei Jahren hat sie sich glatt verdoppelt - ein Erfolg für die zahlreichen internationale NGOs, die sich im weltweiten Kampf gegen den Elfenbeinhandel für den Schutz der gefährdeten Tiere einsetzten. Auch der Umstand, dass seit 2017 der Import von Elfenbein nach China, dem bisher größten Abnehmer weltweit, verboten ist, trug dazu bei. Doch für Dorfvorsteher Twinomuhangi ist es eine Katastrophe. Denn die Tiere ernähren sich immer weniger vom Savannengras, sondern immer mehr von Melonen, Kürbissen, Mais und Hirse.

Mit Speeren bewaffnet

"Es ist ein Krieg zwischen Mensch und Tier", sagt er und hockt sich am Fuße des Hangs unterhalb der Lodge auf die Lauer. Der Vollmond geht auf. Die Dorfbewohner kommen angestiefelt, bewaffnet mit Speeren, Macheten, Trompeten und Trommeln. "Wenn sie kommen", so der Dorfvorsteher, "dann machen wir Lärm, um sie zu vertreiben", sagt er. Und die Speere? "Die sind nur zur Notwehr", erklärt er und rammt die Spitze in den Boden: "Wenn wir sie töten, werden wir verhaftet oder erschossen."

Es raschelt im Gebüsch, Zweige brechen. Mit Knochenarbeit haben die Gemeindemitglieder Gräben zwischen den Äckern und dem Park ausgehoben, Dornenbüsche darin gepflanzt, aus Ästen und Stämmen Zäune errichtet - doch es hilft alles nichts. Die Dickhäuter brechen einfach durch.

Wieder hört man es rascheln. Der Dorfvorsteher schaltet seine Taschenlampe ein. Der Lichtstrahl blendet die Elefantenkuh. Sie schnauft kurz auf und trabt davon - in Richtung Kaffeeplantage. Twinomuhangi und seine Leute spuren hinterher. Die Kaffeebohnen sind ihre wichtigste Einkommensquelle. Sie verkaufen die Erträge an eine Rösterei, davon bezahlen sie die Schulgebühren für ihre Kinder.

Zwischen den Sträuchern findet Twinomuhangi Dung auf der Erde. Zweige sind abgebrochen. Doch von der Elefantenkuh ist nichts mehr zu sehen. Er hockt sich gähnend ins Gebüsch. Solange die Ernte nicht eingeholt ist, schläft hier niemand, berichtet er. "Bis zum Morgengrauen sind wir auf Patrouille".

In dieser Nacht haben die Bauern von Katara Glück. Die Herde ist nicht wieder gekommen. Offenbar hat sie zwei Kilometer weiter im Nachbardorf Buhingo ihr Abendessen gefunden: auf Richard Akureebas Kürbisacker. Mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn steht dieser am nächsten Morgen vor seiner kleinen Hütte. Wo noch am Abend die prallen Kürbisse lagen, häuft sich Elefantendung. "Wie soll ich jetzt die Universitätsgebühren für meinen ältesten Sohn bezahlen?", fragt er verzweifelt.

Der Vater von acht Kindern ist der Anführer der sogenannten Wildtier-Pfadfinder, einer Initiative, die von der Uganda Conservation Foundation (UCF) finanziert wird. Die NGO unterstützte bisher lokale Gemeinden, schulte sie in Bienenzucht. Elefanten haben Angst vor Bienen, deswegen wurden entlang der Parkgrenze mehr als hundert Bienenstöcke aufgestellt, die durch einen feinen Draht miteinander verbunden sind. Berührt ein Elefant den Draht, werden die Holzkisten geschüttelt und die Bienen aufgescheucht.

Das Problem mit den Elefanten habe in den vergangenen Jahren zugenommen, berichtet Akureebas, während er den Pfad zwischen den Bienenkisten abschreitet. "Das ist die Grenze, die wir nicht übertreten dürfen", sagt er. "Wenn wir dort hinuntergehen, werden wir als Wilderer bezichtigt und verhaftet", sagt er. "Es ist, wie am Rande der Welt zu leben."

Koloniales Erbe

Am Ende des Bienenzauns erhebt sich eine Baustelle: Ziegelsteine, Holzlatten, Wellbleche. Ein Investor baut hier eine Lodge. Inmitten der Baustelle: ein Zementblock mit Gravierung, der Grenzstein, den die Parkverwaltung vor 15 Jahren gesetzt hat. Akureeba erinnert sich noch genau: Es war der Tag, als die Landkonflikte begannen: "Mein Vater hat den britischen Kolonialherren 1952 Teile unseres Gemeindelandes für den Park überlassen und damals die Grenze dort unten festgelegt", erzählt er und deutet den Hügel hinunter. Doch dann waren 2004 Geologen mit bewaffneten Parkwächtern nach Buhingo gekommen. Sie zeigten Akureeba GPS-Koordinaten: "Sie sagten, die Grenze verläuft hier." Damals war dies mitten im Dorf. Die Einwohner hatten keine Wahl: Einige mussten umsiedeln, Hütten wurden abgerissen. Heute baut ein Investor hier eine Lodge.

Manchmal bereut Akureeba die Entscheidung seines Vaters, den britischen Kolonialherren das Land überlassen zu haben, wie er selbst zugibt. Besonders jetzt, nachdem er erfahren hat, dass die Bienenprojekte nicht weiter finanziert werden. Wie so viele internationale NGOs schlägt auch UCF derzeit einen Richtungswandel ein: mehr Geld für "Kapazitätsbildung" der Parkwächter - das heißt gleichzeitig: weniger Geld für Gemeindeprojekte.

Kapazitätsbildung - dieses Schlagwort findet sich in zahlreichen Projektbeschreibungen für den Wildtierschutz in Afrika. Die größten Unterstützer für Ugandas Nationalparks sind die Briten,
die zu Kolonialzeiten die Gebiete abgesteckt hatten, um nach emsiger Großwildjagd für Elfenbein die letzten Elefanten zu retten. Anstatt weiße Jäger besuchen seitdem weiße Touristen die Parks. Luxus-Lodges wurden gebaut, für die die Regierung eine Sondergenehmigung erteilt. Meist erhalten Politiker und Generäle die Lizenzen. Das jüngste Beispiel: General Henry Tumukunde, bis vor kurzem Sicherheitsminister, hat jüngst die Bagger anrollen lassen.

Die lokale Bevölkerung jedoch muss draußen bleiben. Viele stammen von der Banyaruguru-Ethnie ab, die traditionell Jagd betreibt. Die Bewohner sind nach der Parkgründung von den Briten zum Ackerbau gezwungen worden, die Jagd wurde unter Strafe gestellt. Die meisten Bewohner haben noch nie ein Wildtier gesehen, außer es steht auf ihrem Acker. "Eine Safari-Tour kann sich hier niemand leisten", meint Akureeba.

Ein Vater trauert um seinen von Rangern erschossenen Sohn.
Ein Vater trauert um seinen von Rangern erschossenen Sohn.

"Wir haben keine Pufferzone mehr zwischen dem Park und dem Ackerland", gibt Edward Asalu offen zu: "Das führt dann zu Problemen zwischen Mensch und Tier." Der große Mann in grüner Uniform sitzt in seinem Büro in der Parkverwaltung. Er bekleidet in Ugandas Wildtier Agentur (UWA) quasi den Rang eines Generals und befehligt tausende bewaffnete Ranger.

Asalus Statistiken, die er im Computer aufruft, klingen wie eine Erfolgsgeschichte: Seit 2016 sei kein einziger Elefant mehr getötet worden: "Dabei war Wilderei zur Gewinnung von Elfenbein bislang ein ernstes Problem." Mittlerweile ist Uganda nur noch ein Transitland für Elfenbein aus Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik, dem Kongo. Ende Januar hat Ugandas Zollbehörde an die 800 Stoßzähne in einem Lastwagen beschlagnahmt, der vom Südsudan kommend über die Grenze fuhr. Ein Ring vietnamesischer Händler wurde verhaftet - eine Erfolgsmeldung im Kampf gegen den internationalen Elfenbeinhandel.

Ausländische Ausbildner

Seit zwei Jahren trainieren britische Soldaten und israelische Sicherheitskräfte Ugandas Ranger, sie statteten sie mit Fahrzeugen, Drohnen, Funkgeräten, Nachtsichtgeräten und schusssicheren Westen aus, eine Geheimdienstabteilung wurde in der UWA eingerichtet. "Wir sind nun bereit, es mit den Wilderern aufzunehmen", schildert Parkchef Asalu und zählt auf: Seit 2016 wurden 458 illegale Eindringlinge festgenommen, darunter auch Fischer und Kuhhirten. Von ihnen wurden 172 wegen Wilderei zu jeweils drei Jahren Gefängnis verurteilt. 627 Fallen und vier Jagdgewehre wurden beschlagnahmt.

Heute kann Asalu zufrieden sagen: "Das Elfenbein-Problem ist gelöst." Was Asalu derzeit nicht schlafen lässt, sind die Anrufe der Dorfvorsteher, gibt er zu. Fast jede Nacht muss er seine Ranger losschicken, um die Tiere vor den Speeren der Bauern zu retten. "Wir testen derzeit neue Lösungsmethoden", sagt er.

Nur wenige Kilometer entfernt rammt Elektroingenieur Ibrahim Njenga Holzpfosten in den Boden. Die NGO "Space for Giants" errichtete 20 Kilometer elektrischen Zaun, um die Tiere im Park - und die Menschen draußen zu halten. "Wenn ein Elefant den Draht berührt, bekommt er einen Elektroschock und rennt davon", erklärt er. Das Konzept der Einzäunung habe sich im benachbarten Kenia bereits bewährt.

Ein Zaun ist im Vergleich zu Bienenstöcken ein teures Konzept und bringt kein Einkommen durch die Honigproduktion. Dennoch versprechen sich die Dorfvorsteher viel davon: mehr Schlaf und sichere Ernten. Doch der Zaun demarkiert auch das Hoheitsgebiet des Parks. Die Landenteignung, die während der Kolonialzeit begann, wird endgültig.

Im Dorf Nyakahita jenseits des Zauns sitzt Dorfvorsteher Medard Akampurira mit einem UWA-Vertreter unter einem Akazienbaum auf Plastikstühlen, um die Grenzziehung quer durch die Baumwollfelder zu besprechen. Beide Seiten sind sich einig: Der Zaun kann Konflikte entschärfen. Doch jetzt geht es um jeden Quadratmeter Landrechte.

Die Stimmung ist angespannt. Der UWA-Vertreter, Jackson Maate, gekleidet in grüner Uniform, hat zwei bewaffnete Ranger mitgebracht. Zwischen ihm und dem Dorfvorsitzenden gibt es seit langem Streit: 2017 wurde ein Gemeindemitglied erschossen. Akampurira zeigt Fotos des Schwerverletzten auf seinem Handy. Der Mann starb drei Tage später im Krankenhaus. Acht weitere Dorfbewohner seien vergangenes Jahr im Park spurlos verschwunden, so Akampurira: "Die Ranger töten sie einfach und werfen die Leichen den Krokodilen vor", so Akampurira. Seitdem die Parkwächter von britischen Spezialkräften trainiert wurden, hätten diese Vorfälle zugenommen, sagt er: "Haben die Briten sie ausgebildet, um uns zu töten?"

UWA-Vertreter Maate argumentiert: "Diese Wilderer kommen mit Waffen in den Park und wir feuern Warnschüsse ab", sagt er. Akampurira lenkt ein: "Ja, einige unserer Leute jagen, aber das tun sie aus Armut, wenn die Elefanten die Ernte vernichten." UWA-Offizier Maate verdreht die Augen: Der Safari-Tourismus erzeuge die größten Einkommen für den Staatshaushalt: "Unser Job ist es, diesen zu bewahren."

Der knallharte Schutz des Wildtierbestands führt zu steigenden Zahl von Verletzten, Vermissten und Toten rund um den Park. Am 26. Juni 2018 hat Ugandas Mordkommission vier Vermisste registriert. Hinter dem Fall mit der Nummer CRB-575-2018 verbergen sich die Schicksale von vier Familien, die bis heute nach ihren Angehörigen suchen.

Verschwundene Leichen

Ugandas weitläufige Savannen ziehen viele Touristen an.
Ugandas weitläufige Savannen ziehen viele Touristen an.

Es gibt einen Überlebenden: den 22-jährigen Jean Bosco Byamurama. Traumatisiert und hinkend von der Kugel im Knie, sitzt er mit seinem Vater und dem Onkel vor der Hütte in Kyema, rund sechs Kilometer vom Park entfernt und berichtet vom 26. Juni, einem Dienstag: Sie waren früh aufgestanden - er, sein älterer Bruder Julius Byamugisha, sein Cousin Visensio Busingye sowie zwei Freunde aus dem Nachbardorf. Alle von der Jäger-Ethnie der Banyaruguru. Zu Fuß seien sie, mit Fallen, Speeren und Macheten gerüstet, in den Park marschiert. Im Morgengrauen ging ihnen ein Büffel in die Falle - Fleisch, das die Schulgebühren für ihre insgesamt 27 Kinder finanzieren sollte. "Wir sind arm, wir wollten es verkaufen", sagt Byamurama.

"Als wir das Tier zerlegten, kamen die Ranger", erzählt der junge Mann stockend. "Sie haben ohne Warnung geschossen." Eine Kugel traf seinen Bruder in die Brust, eine andere erwischte ihn selbst am Knie, er konnte durch das Gebüsch davonkriechen. Als er gegen Mittag blutend zu Hause ankam, brach er an der Türschwelle zusammen. Vater Melelkiad Kyomukama brachte ihn ins Krankenhaus. Die Ärzte entfernten die Kugel. Mit dieser ging der Vater zur Polizei. Dort wurde der Fall CRB-575-2018 verzeichnet.