Melbourne. So ist sie nun einmal, die irdische Gerichtsbarkeit. Ein schmuckloser Saal mit 120 Leuten, besetzt bis auf den letzten Platz. Ein Richter, der alle noch einmal eine Stunde auf die Folter spannt, bevor er in seinem Urteil zum Ende kommt. Ein einstmals sehr mächtiger Mann mit zwei künstlichen Kniegelenken, der dann trotzdem aufstehen muss, um das Verdikt entgegenzunehmen.

Und eine Kamera, die das alles hinaus in die ganze Welt überträgt. So erfährt der australische Kurienkardinal George Pell am Mittwoch in Melbourne, dass er sechs Jahre ins Gefängnis soll, weil er vor langer Zeit, noch als Erzbischof der Millionenstadt, zwei Chorknaben sexuelle Gewalt angetan hat. Frühester Entlassungstermin: Ende 2023. Jeder weiß, was das für einen Mann von 77 Jahren bedeuten kann: Haft bis zum Ende des Lebens. Pell verzieht trotzdem keine Miene. Eine Frau ruft "Halleluja!" in den Saal.

Pell ist weiterhin Priester und Kardinal

Damit ist ein Prozess zu Ende, wie es ihn in der Geschichte der australischen Justiz und auch der katholischen Kirche noch nie gegeben hat. Pell - mit fast zwei Metern immer noch von riesiger Statur, auch wenn er inzwischen am Stock geht - ist der ranghöchste Geistliche, der jemals wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verurteilt wurde. Als Finanzchef von Papst Franziskus war er noch bis in den Februar hinein die Nummer drei des Vatikans.

In früheren Jahren hätte die katholische Kirche über jemanden wie ihn ihre schützende Hand gehalten - und sehr wahrscheinlich hätte es geholfen. Damit ist es nun vorbei. All die Missbrauchsskandale in den verschiedensten Ländern haben den Katholizismus in eine schwere Krise gestürzt. Der Vatikan will nun noch abwarten, ob Pell in der Berufung einen Freispruch erreichen kann. Wenn nicht, verliert er womöglich noch mehr: auch all seine Titel, auch das Priesteramt. Bis dahin ist Pell also immer noch Priester und Kardinal.

Oralsex in der Sakristei

Die Fälle, um die es geht, liegen mehr als 20 Jahre zurück. Kurz vor Weihnachten 1996 - so das Gericht - ertappte Pell in Melbournes St.Patrick's-Kathedrale zwei Chorknaben dabei, wie sie Messwein tranken. Richter Peter Kidd liest das noch einmal in aller Ausführlichkeit vor. Wie Pell zu den 13-Jährigen sagte: "Jetzt seid Ihr in Schwierigkeiten", sie in die Sakristei holte, sie sexuell belästigte. Wie er einen der beiden ein paar Wochen später nochmals anging. Pell hört sich das alles ohne sichtbare Regung an.