Paris. "Wie lange braucht man, um zu spüren, dass der Tod kommt, wenn man nicht mit ihm rechnet?" Philippe Lançon hört die klickenden Geräusche der Schusswaffen, "keine lauten Explosionen wie im Kino, nein, dumpfe, trockene Böller", die er nicht einzuordnen weiß. Ein letztes Mal blickt er Charb, den Chefredakteur des Satiremagazins "Charlie Hebdo" an, bevor dieser erschossen wird: "Die wenigen Sekunden Leben, die ihm noch verblieben, reichten ihm, um zu begreifen, aus welchem elenden Comic diese beiden hohlen, vermummten Köpfe, die Fanatismus und Tod säten, kamen."

Lançon selbst überlebt schwer verletzt, weil die Mörder ihn in seiner Blutlache liegend für tot halten. Nach zwei endlos scheinenden Minuten der Schießerei fliehen sie, um zwei Tage später von der Polizei entdeckt und getötet zu werden. Minutiös beschreibt der Journalist in seinem Buch "Der Fetzen" das Blutbad während einer Redaktionskonferenz von "Charlie Hebdo", wo am 7. Jänner 2015 Frankreichs berühmteste Karikaturisten niedergemetzelt wurden. Auch schildert er den langwierigen Genesungsprozess danach, sein Dasein als Patient und Attentatsopfer und die Folgen für sein Umfeld. Gerade ist das Werk auf Deutsch erschienen.

Zu einem Gespräch darüber ist Lançon gerne bereit, aber eines stellt er gleich vorneweg klar: Er hat einen kleinen Sohn und sein Tagesablauf richtet sich nach dessen Krippenzeiten. Das ist nicht nur wichtig, um einen geeigneten Termin und Ort zu finden - ein Pariser Café in der Nähe seiner Wohnung. Sondern so gibt er auch bereits Auskunft über die jüngste erstaunliche Wendung in seinem Leben: Dass er mit Mitte 50 zum ersten Mal und nach so vielen seelischen und körperlichen Prüfungen Vater geworden ist, gehört für Lançon zur "Revanche des Lebens", wie er es nennt.

Auftakt einer blutigen Terrorserie

Zu den Überraschungen, die es noch bereit hielt - ausgerechnet für ihn, der nach dem 7. Jänner 2015 mit allen Freuden, den simplen und den tief gehenden, ja mit dem Leben überhaupt abgeschlossen hatte. Die Terroristen schossen ihm damals regelrecht den Kiefer weg, verwundeten ihn am Arm und an der Hand. Der Anblick des zerfetzten unteren Drittels seines Gesichts veranlasste einen der herbeigerufenen Feuerwehrmänner zu dem entsetzten Ausruf: "Das ist eine Kriegsverletzung!"

Es war ein einseitiger, fanatischer Krieg, den die Brüder Chérif und Saïd Kouachi Frankreich erklärt hatten und der Auftakt einer blutigen Terrorserie, die in der Folge nicht nur Paris und Frankreich, sondern viele andere Städte und Länder treffen sollte.