Abkommen zum besseren Schutz für die Fabriksarbeiter

Damit sich ein Unglück wie im Rana Plaza nicht wiederholt, gründeten 200 westliche Unternehmen wie C&A, H&M und Esprit zusammen mit Gewerkschaften im Mai 2013 das Brandschutz- und Gebäudesicherheits-Abkommen Accord. Die Initiative inspizierte rund 1600 Fabriken, in denen fast zwei Millionen Frauen und Männer arbeiten. Die Experten sorgten dafür, dass neue Rettungstreppen, Notausgänge, Brandmelder und verstärkte Zwischendecken gebaut wurden, und gaben Textilarbeitern Sicherheitstrainings. Fabriken, die den Vorgaben nicht nachkamen, setzten sie auf schwarze Listen, schlossen sie so von Aufträgen internationaler Kunden aus. Der Erfolg ist unbestritten. Seit sechs Jahren gab es keine schweren Unglücke in den Textilfabriken des Landes. Und dennoch machen Fabrikanten Stimmung gegen das Abkommen.

Mächtige Lobby,
willfährige Justiz

"Nach Rana Plaza musste etwas geschehen. Aber das Accord-Abkommen ist nicht fair", sagt Mohammed Aminul Islam, Betriebsleiter der Firma Intramex auf dem Fabrikgelände in Gazipur. In der Textilstadt nördlich von Dhaka produziert seine Firma, die bis heute nicht gewerkschaftlich organisiert ist, mit 4900 Mitarbeiter Hosen, Hemden und T-Shirts für den Export. Accord habe seine Firma zu Investitionen in Höhe von mehreren hunderttausend Dollar gezwungen, sagt der Manager. Oft seien die Fristen dabei sehr kurz gewesen und die Vorgaben stünden teils im Widerspruch zu einheimischen Gesetzen. "Die internationalen Käufer verlangen von uns immer höhere Investitionen, sind aber nicht bereit, mehr zu zahlen. Im Gegenteil: Sie drohen damit, in einem billigeren Land zu produzieren. Sie erpressen uns", sagt der Manager wütend.

Viele Textilfabrikanten denken wie Mohammed Aminul Islam. Und sie haben eine mächtige Lobby. Nach China ist Bangladesch der zweitgrößte Textilexporteur der Welt. 83 Prozent der Ausfuhren Bangladeschs werden in der Textilbranche erwirtschaftet. Im vergangenen Jahr wurden Textilien im Wert von umgerechnet rund 26,5 Milliarden Euro ausgeführt. In den rund 4000 Textilfabriken des Landes arbeiten rund 3,6 Millionen Menschen. Der Boom der Branche hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Pro-Kopf-Einkommen sich zwischen 2010 und 2017 verdoppelt hat und die Wirtschaft seit 2008 um durchschnittlich mehr als sechs Prozent pro Jahr zulegte. Viele Politiker stört es zudem, dass eine ausländische Organisation wie Accord hoheitliche Aufgaben übernimmt.

Im Mai letzten Jahres entschied der Oberste Gerichtshof darauf hin, dass Accord seine Arbeit beenden soll. Weil Bangladesch jedoch noch nicht in der Lage sei, selbst für die Sicherheit der Beschäftigten in der Textilbranche zu sorgen, setzte das Abkommen sich zur Wehr. Eine endgültige Entscheidung des Gerichts wurde bereits acht Mal verschoben, der nächste Termin ist für den 19. Mai angesetzt.

Die Hilfsorganisation CARE spricht sich für eine Fortsetzung des Accords aus: "Er trägt zur Sicherheit der Textilarbeiterinnen bei. Da die Mehrheit der Arbeitskräfte Frauen sind, ist ihre Sicherheit aber auch durch Übergriffe, sexuelle Belästigung und Willkür von Vorarbeitern gefährdet", sagt Judith Albert, Referentin für Unternehmenskooperationen bei CARE Deutschland. Auch die Bundesregierung, das EU-Parlament und viele Modefirmen forderten Bangladesch zu einer Fortsetzung der Zusammenarbeit auf.

Für Shunno Balas, deren Sohn Shonjeet vor sechs Jahren unter den Trümmern des Rana Plazas starb, wäre die Ausweisung der Kontrolleure eine weitere Katastrophe. Die trauernde Mutter: "Wenn der Profit der Besitzer wieder wichtiger wird als die Sicherheit der Arbeiter, wäre Shonjeet umsonst gestorben."

Die Recherche wurde unterstützt von CARE Deutschland e.V..