"Deutsche und Alliierte haben Schlacht entgegengefiebert"

"1944 wurde die Invasion sowohl von deutscher als auch von alliierter Seite als die Entscheidungsschlacht des Krieges gesehen", so Lieb gegenüber der "Wiener Zeitung". "Die Alliierten haben gedacht, dass sie - wenn die Landung glückt - nach Mitteleuropa vorrücken werden. Die Deutschen glaubten, dass sie - sollten sie die Landung abwehren - die freien Kräfte an die Ostfront werfen und dort die Entscheidung herbeiführen könnten. Alle beide, die Deutschen und die Alliierten, haben dieser Schlacht entgegengefiebert", so Lieb. "In der Rückschau lässt sich allerdings feststellen, dass für die Deutschen der Krieg zu diesem Zeitpunkt bereits verloren war. Und zwar aufgrund der hohen Verluste an Menschen an der Ostfront. Auch die deutsche Rüstung kam nicht mehr nach. Als der D-Day begann, war die deutsche Luftwaffe bereits zerschlagen", sagt Lieb.

Trotzdem war der D-Day enorm wichtig. Hier und in der folgenden Schlacht um die Normandie wurde entschieden, wie die politische Landkarte in Europa nach dem Krieg aussieht. Hätten die Alliierten nicht die zweite Front errichtet, hätte die Rote Armee wohl ganz Westeuropa besetzt.

Der Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs war für Lieb eher die deutsche Niederlage bei Stalingrad und bei Tunis 1943. "Da zeigt sich ganz deutlich, dass das Deutsche Reich auf der Verliererstraße ist." Deshalb, so Lieb, habe die Invasion auch vergleichsweise reibungslos funktioniert - Nazi-Deutschland sei schon beträchtlich geschwächt gewesen.

Der D-Day hat den Krieg jedenfalls erheblich verkürzt: "Wenn die Deutschen 1944 - rein hypothetisch - alle Kräfte im Westen gegen die Sowjetunion geworfen hätten, dann wäre es nicht so klar gewesen, ob die Sowjetunion den Krieg gewinnt", sagt Lieb.

Klar ist jedenfalls, dass der D-Day der Anfang der Befreiung Westeuropas war. Zudem war der D-Day für die US-Armee gemeinsam mit Pearl Harbour der verlustreichste Tag im Zweiten Weltkrieg. "Da gibt es eine gewisse Symbolik", so Lieb, der zu bedenken gibt, dass die USA die größten Verluste in Europa im Dezember 1944 und Jänner 1945 hatten.

Zudem habe man das erste Mal den Fuß vom Meer auf das Festland gesetzt - "auch daher die große Symbolkraft", weiß Lieb. Obwohl das natürlich auch nicht ganz stimme, weil die Alliierten schon 1943 in Italien gelandet waren. "Aber die Normandie hat den stärkeren symbolischen Wert. Frankreich war ja besetzt. Das war ein Akt der Befreiung." Wobei der Experte darauf hinweist, dass den Franzosen die D-Day-Feiern zunächst eher peinlich gewesen wären, weil ihre Beteiligung gering war. "Man hat sich nicht selbst befreit, das war das große Manko auch für General de Gaulle", sagt Lieb. Zu feiern gab es für Frankreich zunächst auch deshalb wenig, weil die Landung "auch für viele französische Zivilisten Tod und Zerstörung bedeutet hat", sagt Lieb. "Auch haben die alliierten Soldaten geplündert. Das wird heute bei den Feiern oft vergessen."

Dass der 6. Juni eine wichtige Rolle beim Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 spielt, versteht sich von selbst: "Den Verschwörern war nach der Invasion klar, dass die Hütte brennt", sagt Lieb: "Die Deutschen geraten nicht nur in der Normandie in die Defensive, auch die Rote Armee greift an und zerschlägt an der Ostfront die Heeresgruppe Mitte. Und die Alliierten kommen auch über Italien. Das Deutsche Reich war an drei Fronten unter enormen Druck." Den Verschwörern sei klar gewesen, dass jetzt schnell gehandelt werden müsse. Der von den Deutschen militärisch besetzte Westen sei jedenfalls "ein Hotspot der Verschwörer" gewesen. Das sei kein Wunder, so Lieb. Hier habe man die ungeschminkten Informationen über die tatsächliche militärische Lage gehabt.