Wien. Demokratie und selbstbestimmtes Handeln werden zunehmend als Belastung empfunden - und das nicht nur von Randgruppen. Vielmehr sei es die "gesellschaftliche Mitte", die ein starkes Bedürfnis nach Autorität und Unterordnung verspüre: So lauten die zentralen Thesen und der beunruhigende Befund des deutschen Uniprofessors Oliver Decker, die er zuletzt an der WU Wien präsentierte.

Nach den gesellschaftlichen Umbrüchen 1968 sei man davon ausgegangen, dass dem "emanzipierten, informierten Subjekt" die Zukunft gehöre und dass Unterordnung immer unwichtiger werde, sagt Decker. Das, so der Direktor des "Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung" an der Uni Leipzig, habe sich nicht bewahrheitet.

Bequeme Unmündigkeit

Oliver Decker. - © Privat
Oliver Decker. - © Privat

"Es ist so bequem, unmündig zu sein", zitiert Decker Kant - und in der Tat werde Demokratie heute in der klassischen deutschen Mittelschicht oft als Belastung empfunden, die Skepsis gegen demokratische Verfahren nehme zu. Demnach geht es um "Befreiung von Demokratie", deren Problemlösungsfähigkeit angezweifelt werde. Die Ausgrenzung bestimmter sozialer Gruppen, so Decker, sei dabei geradezu ein Erfordernis. Soziale Integration werde als Belastung empfunden. Die Bereitschaft, die Freiheitsrechte anderer einzuschränken sei mindestens ebenso groß wie der Wunsch nach eigener Freiheit, konstatiert der Wissenschafter.

Wobei die Menschen, die Rechtspopulisten wie etwa Donald Trump oder der FPÖ ihre Stimme geben, für Decker keineswegs "Verführte" sind: "Weder Strache noch Trump sind virtuose rhetorische Zauberer". Vielmehr gehe es darum, dass diese "Agitatoren" vorhandene "Wünsche des Publikums" gleichsam "ertasten" würden. Im Fall des US-Präsidenten spricht Decker immerhin von "wechselseitiger Verführung". Immer, so Decker, sei die Freiwilligkeit, die "freiwillige Gefolgschaft" jener, der sich autoritären Strukturen unterwerfen, die Voraussetzung für die Herrschaft der Autoritären.

Wobei das Phänomen natürlich nicht neu ist, wie Decker betont. Der Sozialpsychologe Erich Fromm habe bereits in der Zwischenkriegszeit in Studien herausgefunden, dass nur 15 Prozent der deutschen Bevölkerung über ein solides, demokratisches Bewusstsein verfügten. Decker verweist in diesem Zusammenhang auf zahlreiche Studien zur autoritären Persönlichkeit und den autoritären Charakter, wobei der damals herrschende gesellschaftliche Rahmen heute keine Gültigkeit mehr hat. Vor 80 bis 90 Jahren war es jedenfalls die vom Vater ausgehende Gewalt, die beim Kind zu einem zwiespältigen Verhältnis zu Autorität geführt hat. Auf der einen Seite stehe die Bereitschaft, sich autoritären Zwängen unterzuordnen, wie Decker ausführt.