Die Angeklagte: Marshae Jones wurde verhaftet. Ihr wird vorgeworfen, einen Streit angezettelt zu haben. Für den Schuss in ihren eigenen Bauchraum muss sie sich nun verantworten. - © APAweb/reuters
Die Angeklagte: Marshae Jones wurde verhaftet. Ihr wird vorgeworfen, einen Streit angezettelt zu haben. Für den Schuss in ihren eigenen Bauchraum muss sie sich nun verantworten. - © APAweb/reuters

Mobile. Ist man dafür verantwortlich, wenn man angeschossen wird? Juristen würden sagen, kommt darauf an. War es Notwehr? War es eine adäquate Verteidigung? Gab es ein gelinderes Mittel?

Der Staatsanwalt des US-amerikanischen Südstaates Alabama sieht im Fall Marshae Jones die Verantwortung ganz klar auf Seiten der Angeschossenen. Denn die 27-jährige Jones habe mit einer anderen Frau einen Streit angezettelt. Es ging um den Vater des ungeborenen Babys. Die 23-jährige Ebony Jemison, die eine Arbeitskollegin eben jenes Mannes war, habe sich bedroht gefühlt. Jemison, die einen Waffenschein hat und legal eine Pistole mit sich führen darf, holte die Pistole aus ihrer Tasche. Sie feuerte einen Warnschuss ab - allerdings Richtung Bodenasphalt. Die Kugel prallte am Boden ab und traf den Bauch von Jones. Das Schussopfer Jones überlebte, erlitt aber eine Fehlgeburt.

Dieser Fötus ist Schussopfer zwei. Und in der Verantwortung von der Mutter. Also Totschlag seitens der Mutter. So sehen es die Behörden in Alabama.

Der Bundesstaat gehört nämlich zu 38 der rund 50 US-amerikanischen Staaten, die Föten als Opfer bei Mord und Totschlag betrachten. In Alabama, einem Staat, in dem der Schwangerschaftsabbruch seit kurzem überhaupt nur noch möglich ist, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist oder der Fötus eine unheilbare Krankheit hat, gilt der Fötus ab dem Zeugungsmoment als Rechtspersönlichkeit.

Und, wenn in dem Fall von Jones, die Mutter nicht vorsätzlich die Schwangerschaft beendet hat, macht die Anklage die gesellschaftspolitische Linie von Alabama klar: Als Schwangere ist man in erster Linie Trägerin eines ungeborenen Kindes, das es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt.

Alabama hat wieder einmal gezeigt, "dass ab dem Moment, in dem eine Person schwanger wird, es ihre einzige und alleinige Verantwortung ist, ein gesundes Baby zu produzieren", erklärt Amanda Reyes von der Frauenrechte-NGO Yellowhammer. "Alles, was eine Lebengeburt gefährdet, wird als kriminelle Handlung eingestuft", so Reyes in der "Washington Post". Als nächstes werde darüber debattiert, ob Schwangere überhaupt legal Alkohol trinken dürfen. Und danach werde man dafür verantwortlich gemacht, wenn man nicht für die beste medizinische Schwangerschaftsbegleitung gesorgt hat. Was in den USA natürlich auf eine Geldfrage hinausläuft.

Frauen werden in Alabama auch strafrechtlich verfolgt, wenn der Fötus in Folge von Drogenkonsum nicht überlebt.

"Niemand geht davon aus, angeschossen zu werden"

Aber es sind auch Juristen von der Anklage im Fall Jones entsetzt. "Niemand muss davon ausgehen, angeschossen zu werden. Und es will auch niemand angeschossen werden", zitiert die "Post" den Strafverteidiger Richard Jaffe. "Es erscheint mir unglaublich, dass diese Person angeklagt wird. Sie hat sicher ohnedies schon genug Kummer."

Es ist auch nicht bekannt, ob sich Jones einen eigenen Anwalt leisten kann. Der Streit der beiden Frauen war auf dem Parkplatz eines "Dollar General" Supermarkts - dem Äquivalent eines "Ein-Euro-Shops". Ein Dollar General ist oft in Gegenden zu finden, in denen Communities aus niedrigen Einkommensschichten leben.

Jones drohen bei einer Verurteilung wegen Totschlags bis zu 20 Jahre Haft.

Jones wird nämlich in Alabama auch Vorsatz zur Last gelegt - sie hätte ein bekanntes Risiko ignoriert und in Kauf genommen. Wäre es nur "fahrlässig", wäre das Strafmaß ungleich geringer.

"So sieht es aus, im Jahr 2019, wenn man eine schwangere Afroamerikanerin ist und über kein nennenswertes Einkommen verfügt": Die Aktivistin für Frauenrechte, Ilyse Hogue ist auf Twitter geschockt.

Was meint die andere Seite? "Die Ermittlungen haben gezeigt, dass das einzig wahre Opfer das ungeborene Baby war", zitierten US-Medien den Polizisten Danny Reid. "Es war die Mutter des Kindes, die den Streit, der zum Tod ihres ungeborenen Babys führte, angefangen und weitergeführt hat."

Der Vorfall findet vor dem Hintergrund einer drastischen Verschärfung des Abtreibungsrechts in Alabama und weiteren US-Südstaaten statt. In Alabama sollen Abtreibungen künftig selbst nach Vergewaltigung oder Inzest verboten werden. Das Gesetz soll im November in Kraft treten. Experten erwarten aber, dass es von der Justiz gestoppt wird - und dass sich letztlich der Oberste Gerichtshof mit dem Recht auf Abtreibung befassen dürfte. (wak)