Paris/Berlin/Washington/Wien. (red) Ganz sicher sind sich die Meteorologen noch nicht. Werden es 38 oder 39 Grad Celsius? Oder fällt sogar die 40-Grad-Marke, so wie vor vier Jahren, als in Kitzingen mit 40,3 Grad die höchste jemals in Deutschland gemessene Temperatur verzeichnet wurde?

Klar ist schon heute, dass vielen westeuropäischen Ländern in dieser Woche erneut eine massive Hitzewelle droht. So werden etwa für Österreich - neben Deutschland, Frankreich und den südlichen Niederlanden einer der Hitzepole des Kontinents - bis zu 38 Grad prognostiziert. Aber auch auf den sonst eher kühlen britischen Inseln wird erwartet, dass das Thermometer auf weit über 30 Grad klettert. So soll die Temperatur in London, wo es am Wochenende noch moderate 21 Grad hatte, am Mittwoch auf bis zu 34 Grad ansteigen.

Es ist bereits die vierte Hitzewelle, mit der es Europa in diesem Jahr zu tun hat. Und sie trifft auf einen Kontinent, der schon von den vergangenen Hitzeereignissen gezeichnet ist. So blicken derzeit nicht nur die Bauern in vielen Ländern Europas voller Sorgen auf ihre staubtrockenen Böden. Auch viele Forstwirte bangen, dass nach 2018 nun das nächste Katastrophenjahr folgen könnte.

Denn schon im vergangenen Monat - laut dem von der EU betriebenen Wetter- und Klimadienst Copernicus der weltweit heißeste Juni seit Beginn der Aufzeichnungen - waren in Europa zahlreiche Hitzerekorde gefallen. So wurden in Deutschland, Frankreich, Nordspanien und Italien Temperaturen gemessen, die rund zehn Grad über dem langjährigen Durchschnitt lagen. In Frankreich wurde Ende Juni mit 45,9 Grad sogar der bisher höchste Wert seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gemessen.

Hitzewellen nehmen zu

Von außergewöhnlichen Hitzeereignissen ist derzeit allerdings nicht nur Europa betroffen. So sind am vergangenen Wochenende auch in den USA mehrere Temperaturrekorde gebrochen worden, unter anderem in Atlantic City und am New Yorker Flughafen JFK. Viele Messstationen im ganzen Land, etwa in Washington und Boston, verzeichneten zudem Temperaturen über 38 Grad. New York richtete 500 öffentlich zugängliche klimatisierte Räume ein, sogenannte Abkühlzentren. Der für Sonntag geplante New York City Triathlon wurde wegen der Hitze abgesagt - zum ersten Mal seit seiner Gründung im Jahr 2001.

Dass die Athleten nächstes Jahr in New York an den Start gehen können, ist freilich nicht sicher. Denn Hitzewellen, wie sie die USA und Europa derzeit erleben, werden laut Klimawissenschaftlern nicht nur länger dauern, sondern auch deutlich häufiger werden. So gehen die Forscher des Wissenschaftsnetzwerks World Weather Attribution infolge des Klimawandels von einer fünf Mal höheren Wahrscheinlichkeit aus. Werden weitere Faktoren wie die Beschaffenheit der Böden und urbane Hitzeinseln berücksichtigt, könnten Hitzewellen sogar zehn Mal so häufig auftreten.

Ein ganz ähnliches Bild zeigen auch die Prognose-Daten, die für Österreich vorliegen. Derzeit dauert eine Hitzewelle in Wien durchschnittlich drei bis fünf Tage, bis 2050 werden es aber sechs bis zehn Tage sein. "Bis ins Jahr 2100 wird sich die Anzahl der Hitzetage sogar verzehnfachen. Dann sind Hitzewellen mit Tropennächten mit sogar wochenlanger Dauer möglich", hält Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner der MedUni Wien, per Aussendung fest.

Stress und Depressionen

Hutter zufolge hat die Hitze aber nicht nur gravierende Auswirkungen auf landwirtschaftliche Erträge oder die Häufigkeit von Waldbränden. Bei älteren und geschwächten Menschen, aber auch bei jüngeren Personen mit mangelnder Fitness komme es auch zu einer deutlichen Zunahme an Stress, Ängsten und Depressionen. "Die Aussicht, dieser Hitze nicht entfliehen zu können, führt zu nicht zu unterschätzenden seelischen Problemen", sagt Hutter.

Auch das Rote Kreuz weist mittlerweile eindringlich auf die mit Hitzeereignissen verbundenen Risiken hin. So müssten vor allem die Städte Maßnahmen ergreifen, um ihre Bewohner besser vor gesundheitsgefährdenden Temperaturen zu schützen, etwa durch mehr Grünanlagen, autofreie Zonen, begrünte Dächer und weiß bemalte Oberflächen. "Die Maßnahmen sind einfach und bezahlbar", meint Francesco Rocca, Präsident der Internationalen Rotkreuz-Bewegung.