Peking/Wien. So schwierig ist das gar nicht, in China dieser Tage zum Held zu werden. Niu Guangcheng etwa, der Umweltschutzbeauftragte einer Gemeinde in Shanghai, hat sich redlich bemüht, seinen Mitbewohnern mit Spielkarten und diversen intelligenten Mistkübeln die neuen Abfallregeln zu erklären. Dafür wurde ihm nun vom chinesischen Umweltministerium der Titel "Schönster Freiwilliger für Umweltschutz 2019" verliehen. Es ist angesichts der andauernden Hysterie um die neue Recycle-Verordnung jedoch ebenso einfach, zum Buh-Mann zu werden. Oder zur Buh-Frau. Als eine Touristin aus der Provinz Hunan im Internet erklärte, sie würde ihre geplante Reise nach Shanghai stornieren, da sie die neuen Müllregeln dort nicht verstehe und sich vor einer Strafe fürchte, erntete sie einen Shitstorm, den selbst die besten Kläranlagen des Landes nicht hätten bereinigen können. Als Konsequenz engagierten mehrere Reisebüros eigene Müll-Guides, welche Neuankömmlingen und Touristen das komplizierte Regelwerk erklären sollten.

Keine Zeit für den Müll

Es ist nicht so, dass es in China bisher keine Bemühungen gegeben hätte, den Müll zu trennen. Jedoch, wie Lokalpolitiker beklagen, seien vor allem junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren wenig bereit, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die wiederum verteidigen sich: Wer für sechs Tage die Woche täglich neun Stunden im Hamsterrad steckt, hat am Abend nur noch wenig Verve, sich auch noch um den Müll zu kümmern. Vor allem, weil es in China stets hilfsbereite Hände gibt, die einem dieses Problem abnehmen: In den größeren Städten ziehen Müllsammler aus ärmeren Provinzen ihre Runden, die den Hausmüll mit den Händen nach verwertbaren Stoffen durchsuchen und diese an kleine Firmen und dubiose Deponien verkaufen. Alleine in Peking soll es 200.000 dieser "Ameisen" geben. Als gelernter Hauptstädter fragt man sich dann eben, warum man den Müll trennen sollte, wenn es ohnehin zu wenig moderne Sortieranlagen und Müllabfuhrsysteme gibt. Also sind Plastiksackerl nach wie vor allgegenwärtig, teilweise werden selbst einzelne Erdbeeren in Plastik verpackt.

Doch damit soll nun Schluss sein - und es liegt nicht nur an den zunehmenden Umweltproblemen, dass China diesmal Ernst macht. In der Volksrepublik erfolgt ein tiefgehender Wandel meistens dann, wenn er von oben verordnet wird, und in diesem Fall kommt er von ganz oben. Seitdem Staats- und Parteichef Xi Jinping vor einem Monat in allen Parteizeitungen seine "wichtigen Instruktionen zur Mülltrennung" erlassen hat, sind die zuständigen Parteikader extrem motiviert, den Müll in den Griff zu bekommen. Schließlich sei die wirtschaftliche Nutzung der Ressource Müll nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch Ausdruck des Zivilisationsgrades einer Gesellschaft, so Xi. 46 Modellstädte sollen nun bis 2020 eine Recyclingquote von mehr als 35 Prozent erreichen. Zum Vergleich: In Shanghai liegt sie derzeit bei knapp 14 Prozent. Allerdings hat das Land in der Vergangenheit bewiesen, dass es ambitionierte Vorhaben mit eisernem politischen Willen durchsetzen kann. So hat sich beispielsweise die Luft in Peking zum Erstaunen vieler Experten in den letzten Jahren tatsächlich spürbar verbessert.