Erbil (afp). Als der Pickup am Straßenrand in Erbil hält, drängen sich sofort mehrere iranische Tagelöhner um den Wagen in der Hoffnung auf einen Job. Ausgerüstet mit Strohhüten gegen die gleißende Sonne und Säcken mit ein paar Werkzeugen warten sie in den Industrievierteln der nordirakischen Kurdenmetropole auf Arbeit.

In ihrer Heimat gibt es zwar auch Arbeit, doch seit der Verhängung neuer US-Sanktionen gegen den Iran ist die Landeswährung nicht mehr viel wert.

"Im Iran kannst du nach einem Tag Arbeit ein Brathuhn kaufen. Doch ein Brathuhn reicht nicht, um eine Familie zu ernähren", sagt der 31-jährige Rostam, der aus dem iranischen Urmia über die Grenze gekommen ist. "Die Wirtschaft ist völlig unvorhersehbar. Du kannst eines Morgens aufwachen und feststellen, dass sich die Lebensmittelpreise in der Nacht verdoppelt haben."

52 Prozent Inflation im Iran

Wie die meisten Tagelöhner in der irakischen Kurdenregion ist Rostam selber Kurde und spricht den kurdischen Dialekt Sorani, der auch im Nordirak verbreitet ist. Wie die meisten Gelegenheitsarbeiter ist er mit einem einmonatigen Touristenvisum im Irak. Nach 28 Tagen Arbeit kehrt er nach Hause zurück, den Koffer gefüllt mit Tee, Windeln und anderen Konsumgütern, die im Iran unbezahlbar geworden sind.

Offiziell beträgt die Inflation im Iran heute 52 Prozent. Die Währung hat in der Folge der US-Finanz- und Handelssanktionen binnen eines Jahres die Hälfte ihres Werts verloren. Da ist ein Tageslohn von 25.000 bis 30.000 irakische Dinar (18 bis 22 Euro) "gutes Geld", wie der iranische Tagelöhner Risa Rostumi sagt. Im Iran würde er für die gleiche Arbeit nur ein Drittel kriegen.

In der Kurdenregion, wo die Wirtschaft gerade einen leichten Aufschwung erlebt, füllen die iranischen Arbeiter eine Lücke, wie der Forscher Adel Bakawan von der Pariser Hochschule EHESS erklärt. Nicht nur würden sie Arbeiten erledigen, die in der kurdischen Gesellschaft im Irak schlecht angesehen sind, sondern durch ihre Ausgaben auch den Konsum im Irak stärken.

Rostam, Risa und die anderen Iraner bleiben nach Ablauf ihres Visums meist nur wenige Tage Zuhause, bevor sie wieder in den Irak zurückkehren, um zu arbeiten. Viele von ihnen leben in Erbil bei Chorschid Schaklawaji, einem 54-jährigen Kurden, der in der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion drei alte Gebäude als Pensionen für die ausländischen Gastarbeiter nordürftig umgebaut hat.

"Im letzten Herbst hatte ich nur 58 iranische Arbeiter in meinem Hotel. Heute sind es 180", freut sich der Geschäftsmann. Für drei Dollar die Nacht können die Iraner einen Schlafplatz in einem der neun Quadratmeter großen Zimmer erhalten, in denen bis zu vier Männer schlafen. Inzwischen ist die Pension komplett ausgelastet, so dass Schaklawaji viele Anfragen ablehnen muss.

Die Stimmung ist gut

Bisher ist das Verhältnis der Iraner zu den irakischen Arbeitern gut. "Sie werden genauso bezahlt wie wir", sagt der 27-jährige Iraker Rebin Siamand auf einer Baustelle in Erbil und versichert, nichts gegen die iranischen Kollegen zu haben. Sollten sie aber anfangen, die Löhne zu drücken oder zahlreicher kommen, warnt er, seien sie nicht mehr so willkommen.

Auch Suleiman Taha kommt regelmäßig nach Erbil, um von seinem blauen Pickup Tierfiguren aus Gips zu verkaufen. Der 28-jährige Iraner hat einen Abschluss in Mathematik, doch daheim keine angemessene Arbeit finden können. "Vor den Sanktionen aßen wir drei Mal die Woche Fleisch, heute nur noch ein Mal", sagt er. "Wenn wir ins Ausland gehen, dann allein um unsere Familien zu ernähren."