Ein Referendum gilt doch nach Bürgerkriegen als typisches Werkzeug, um im Zuge des Vergebungsprozesses möglichst viele Menschen mit ins Boot zu holen. Es gibt ja nicht nur den Staat, die Paramilitärs und die Farc. Auch unschuldige Zivilisten waren Leidtragende des Konflikts. Das Referendum ist eben nicht so ausgegangen, wie man es sich erhofft hatte.

Das stimmt schon. Aber dieses Referendum hat in erster Linie der extremen Rechte von Uribe die Möglichkeit gegeben, wieder an politischem Terrain zu gewinnen. Gleichzeitig hat die Santos-Regierung in den Monaten vor dem Referendum relativ wenig Stimmung gemacht. Sie haben geglaubt, dass das Uribe-Camp sich am Ende doch nicht durchsetzen würde. Aber durch das Referendum kamen dann diese Positionen der extremen Rechten wieder hoch. Das hat das Uribe-Camp in Interviews später offen zugegeben: Dass die Kampagne auf Lügen und Falschinformationen basierte, die den Zweck erfüllten, sich politisch in Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen neu zu positionieren. Das Referendum war vielleicht gut gemeint von der Santos-Regierung. Aber man muss sich die Frage stellen, warum die liberale Partei und andere Kräfte, die nicht zum extrem rechten Lager gezählt werden können, sich in den Monaten vor dem Referendum zurückgenommen haben. Auch die Medien haben wenig Stimmung für das Referendum gemacht. Sie haben nicht postuliert, dass es sich für Kolumbien um einen historischen Moment handelt und dass das ganze Land hinter dem Friedensvertrag stehen sollte. Auch die Leitmedien haben oft die Uribe-Positionen wiedergegeben. Nachdem Duque jetzt wieder als Vertreter der extremen Rechte an der Macht ist, kann das Friedensabkommen leichter offen torpediert werden. Einige seiner Parteikollegen haben bereits im Vorfeld angekündigt, dass man den Friedensvertrag nicht respektieren werde. So ist es auch gekommen.

Wie wurde das Abkommen konkret verwässert?

Das hat schon unter Santos begonnen. Im wichtigsten Punkt ging es um eine moderate Landreform während der Verhandlungen. Das war das eine. Aber parallel dazu hat die Regierung Santos mit Unterstützung des Uribe-Lagers ein Agrar-Gesetz verabschiedet, das stark in Richtung agroindustrielle Entwicklung geht. Da wurden auf der einen Seite Zugeständnisse an die Guerilla gemacht, die dem Agrar-Gesetz aber diametral entgegenstehen. Der Friedensvertrag hat jedoch nie die Verteilung des Landbesitzes in Kolumbien radikal in Frage gestellt.

Wie ist Landbesitz momentan in Kolumbien aufgeteilt?

Laut dem jüngsten dahingehenden Zensus aus dem Jahr 2015 - dem ersten Zensus seit 35 Jahren - besitzen 0,4 Prozent der Bevölkerung 46,4 Prozent des gesamten Landes. Während 70 Prozent der Bevölkerung nur 5 Prozent gehören. Die Santos-Regierung hat den Kleinbauern nur brachliegendes Land versprochen und nie daran gedacht, Großgrundbesitzer zu enteignen. Das sieht man auch im neuen nationalen Entwicklungsplan, der sehr in Richtung Extraktivismus und Agroindustrie geht, obwohl im Friedensabkommen die kleinbäuerlichen Produktionsmodelle gefördert werden sollten. Gleichzeitig sollte den Kleinbauern, die vertrieben worden sind, das Land zurückgegeben werden.