Kolumbien gilt als eines der konservativsten Länder Lateinamerikas. Wieso kommen linke Organisationen nicht vom Fleck?

Zwei politischen Parteien, die konservative Partei und die Liberalen, haben Kolumbien im Grunde seit der Unabhängigkeit bis in den 1990er Jahre abwechselnd regiert. Parallel dazu wurden seit den 1940er Jahren linke Parteien ausgeschlossen und ihre Anhänger mit allen Mitteln bekämpft. Man könnte sagen, dass das politische System Kolumbiens schon seit jeher oligarchisch und plutokratisch war und alternative politische Kräfte es nie leicht hatten. Zudem waren sie auch oft intern zerstritten. Der bewaffnete Kampf der Guerilla hat dann in Folge die politische Arbeit sozialer Bewegungen und linker Parteien noch weiter erschwert.

Es hat doch in den 1980er Jahren schon einmal den Versuch gegeben, die Farc als politische Partei zu etablieren.

Ja, in den 1980er Jahren unter der Regierung von Belisario Betancur kam es zu den ersten Friedensverhandlungen. Damals einigten sich die Farc und die Regierung, dass sich die Farc als politische Partei gründen könnte. In Folge kam es zu einem politischen Genozid, der auf internationaler Ebene seinesgleichen sucht. In den 1980er und 1990er Jahren sind an die 4000 Aktivisten der Unión Patriótica, ermordet worden, in erster Linie von den Paramilitärs. Heute wissen wir auch aus Geheimdienstdokumenten, dass das kolumbianische Militär Pläne hatte, die Unión Patriótica als politische Partei auszulöschen. Das kolumbianische erzkonservative Establishment hat seit jeher jede Art von reformistischer Politik mit extremer Gewalt bekämpft. Das hat schon in den 1940er und 1950er Jahren begonnen, als Paramilitärs eingesetzt wurden, um Mitglieder der liberalen Partei und der kommunistischen Partei zu ermorden.

Wozu braucht ein Staat überhaupt ein Paramilitär, wenn er über Militär und Polizei verfügt?

Einerseits sind die Paramilitärs eingesetzt worden, um Aufgaben zu erledigen, die das kolumbianische Militär legal nicht hätte erledigen können. Paramilitärs sind eine informelle Strategie des Staates und vorherrschender gesellschaftlicher Gruppen, um im bewaffneten Konflikt der Guerilla ebenbürtig zu sein. Paramilitärs sind seit den 1960er Jahren einer der Grundpfeiler einer Strategie der Aufstandsbekämpfung. Als linke Kräfte in Kolumbien während der 1950er und 1960er Jahre immer mehr an Boden gewannen, wurden in Kolumbien als Antwort darauf paramilitärische Strukturen, auch auf Anweisung der USA, aufgebaut, um einerseits die Guerilla zu bekämpfen und andererseits, um die zivile Bevölkerung einzuschüchtern. Es sind zwischen Militärs und Paramilitärs viele Verbindungen dokumentiert, die im Tandem operiert haben. Paramilitärs haben Massaker begangen, die vom Militär logistisch unterstützt oder zumindest geduldet wurden.