Der Krieg muss nicht immer laut sein. Zumindest der moderne Krieg nicht.

Zunächst waren es nur Kondensstreifen, die die Bewohner von Ras al-Ayn, der syrischen Stadt nahe der türkischen Grenze, wahrnahmen. Es war unklar, woher sie stammten - von einer Drohne? Einem Flugzeug? Dann: Ein plötzlicher Knall, Rauch steigt auf - es ist soweit: Das, womit viele am Vortag noch nicht gerechnet hatten, der türkische Angriff auf die Kurdengebiete in Syrien, ist da.

Die Türkei hat damit Mitte vergangener Woche die nächste Runde in dem schier endlosen Syrien-Konflikt, der seit 2011 andauert, eingeläutet. Die syrischen Kurden mussten, von der Türkei bedrängt, die Truppen von Präsident Baschar al-Assad zu Hilfe rufen. Damit dürfte es mit ihrer Selbstständigkeit bald zu Ende gehen.

Diese schien lange durch die Präsenz von US-Truppen in den Kurdengebieten gesichert. Doch US-Präsident Donald Trump entschloss sich dazu, die Kurden fallenzulassen, indem er seine Truppen abziehen ließ. Dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gab Trump damit die Gelegenheit, in den syrischen Kurdengebieten seine Macht zu demonstrieren - und damit auch innenpolitisch zu punkten.

Populäre Militäraktion

Denn die Militäraktion gegen den kurdischen Erzfeind ist beim Großteil der türkischen Bevölkerung populär: Seit den 1980er Jahren, als sich die kurdische Arbeiterpartei PKK unter ihrem Führer Abdullah Öcalan mit terroristischen Anschlägen und brutalen Überfällen gegen die repressive staatliche Ordnung der Türkei erhob, blieb der Kurdenkonflikt ein stetes Thema - und ein Stachel im Fleisch einer Türkei, die sich heute auf dem Weg zur Großmacht sieht.

Dabei war es einst Erdogan selbst, der im Zeichen islamisch-sunnitischer, gewissermaßen osmanischer Bruderschaft den Ausgleich mit den Kurden suchte. Diese waren unter der laizistisch-nationalistischen Führung der Türkei unterdrückt worden. Doch nach kurzer Zeit schon verließ der türkische Präsident den konsensualen Weg und setzte auf die nationale Karte.

Dabei besteht die gemeinsame Geschichte von Türken und Kurden nicht nur aus Konflikten, sondern auch aus langen Perioden friedlicher Koexistenz und sogar Kooperation. So spielten die kurdischen Lokalfürsten eine nicht unerhebliche Rolle beim Aufstieg des Osmanischen Reiches. Sie verbündeten sich mit den Osmanen, als diese 1514 gegen die persischen Safawiden in die Schlacht zogen. Der Lohn: Die kurdischen Fürsten mussten keinen Tribut an den Sultan zahlen und auch keine Truppen stellen.

Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches am Ende des Ersten Weltkrieges billigten die Siegermächte der Entente den Kurden im Vertrag von Sevres 1920 das Recht auf nationale Selbstbestimmung zu - und teilten die Kurdengebiete gleichzeitig auf: Der Südwesten wurde dem französischen Völkerbundmandat für Syrien und dem Libanon zugeschlagen, die südöstlichen Landesteile dem britischen Mandatsgebiet im heutigen Irak.