Es hat sich etwas eingebrannt ins Gehirn. Ein kleiner Überrest nach einer Woche Rekordhochwasser. Die Adrenalinausschüttung scheint das Notfallprogramm aktiviert zu haben. Es sind vor allem Geräusche - die andauernden Sirenen, die durch Venedig geschallt sind. Mehrmals am Tag kündigten sie die kommende Flut an. Eine Tonsequenz, eingebrannt, um zu bleiben. Der Grundton, dahinter die stetig ansteigende Melodie. Am ersten Tag noch neu und spannend. Nach fünf Tagen lästig, bedrohlich und doch ein Fixpunkt. Auch das Hintergrundsurren der Wasserpumpen bleibt im Ohr.

Gibt es ein Geräusch der Stille? Es scheint so. Man hört die Stille nur nie, wenn der Alltagslärm dröhnt. Und dann waren es die Möwen. Wenn die Vögel wieder riefen, dann ging das Wasser wieder weg. Interessant, wie schnell man seine Sinne schärfen kann, wenn es darauf ankommt. Was bleibt also nach einer Woche Notstand, Ausnahmezustand und Rekordhochwasser mit gleich drei Flutwellen in Venedig? Nun, selbst der erfahrenste Acqua-Alta-Experte kann noch immer von den Gewalten der Natur überrascht werden. Der Markusplatz unter Wasser wird wohl ein alltäglicherer Anblick werden. Wenn es, so wie in den vergangenen Tagen, zum unglücksseligen Zusammentreffen von Vollmond, Wind und jahreszeitlichem Hochwasser kommt, werden die Pegelstände über einen längeren Zeitraum höher.

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Wie viel ein paar Zentimeter Wasser mehr ausmachen können, war in Venedig deutlich zu sehen. Und mit einem Blick in die Zukunft bleibt die Erkenntnis, dass die Stadt wohl einiges tun muss, um sich für kommende Hochwasserrekorde zu rüsten.

Rüsten für kommende Hochwasserrekorde

Die große Hoffnung der Venezianer liegt dabei im Mose-Projekt (Modulo Sperimentale Elettromeccanico). Dieses derzeit in Bau befindliche Sturmflutsperrwerk aus beweglichen Fluttoren soll 2021 endlich fertig werden und ist seit Jahren ein Dauerthema - auch ein Politikum, da es von einem großen Korruptionsskandal begleitet wird. Installiert an den drei Öffnungen der Lagune von Venedig, soll es das historische Zentrum vor dem Acqua Alta schützen. Die Lagunenstadt orientierte sich dabei an ähnlichen Sperrwerken in London (Thames Barrier) und Rotterdam (Maeslant-Sperrwerk), die schon in Betrieb sind.

Dass selbst diese unglaublich teuren Schutzmaßnahmen nicht auf lange Sicht erfolgreich sein werden, sehen viele Fachleute als gegeben an. Die Prognosen zu steigenden Wasserpegeln, Klimawandel und damit verbundenem Abschmelzen der Polkappen zeichnen ein Bild eines schier übermächtigen Gegners. Und sie zeigen auch auf, dass der Mensch leider erst dann in der Lage und vor allem bereit ist zu handeln, wenn die Katastrophe vor der eigenen Haustür stattfindet. Und selbst dann will man es nicht wahrhaben, zumindest vermitteln viele Politiker diesen Eindruck.