"Wiener Zeitung": Sie sind mit fünf Jahren aufgrund einer Meningitis-Infektion erblindet. Heute sind Sie Juristin, erhielten im Jahr 2017 den alternativen Nobelpreis und gelten vielen blinden Menschen als Vorbild.

Yetnebersh Nigussie: In der amharischen Kultur sagt man, blinde Menschen hätten ein verborgenes Auge. Meine Kinder haben auch manchmal genau dieses Gefühl, wenn mir wieder einmal etwas nicht entgeht, von dem sie gehofft haben, dass ich es nicht mitbekomme. Ich verwende meine Sinne eben anders als die Sehenden. Ich bin weniger abgelenkt und viel konzentrierter und fokussierter als Nicht-Blinde. Ich achte auf andere Dinge. Ich unterscheide zum Beispiel Menschen anhand des Klangs ihrer Stimme.

Der Alltag als Blinder ist schon in Österreich nicht einfach, es gibt aber immerhin Hilfen. Wie ist das in einem Land wie Äthiopien, wo es kaum Orientierungshilfen für sehbehinderte Menschen gibt?

Die Menschen merken, dass man blind ist, und nehmen Rücksicht. Es geht im Leben für jeden darum, Hindernisse zu überwinden. Und da stehen Sehbehinderte vor einer noch größeren Herausforderung. Ich möchte aber auch anmerken, dass auch in Ländern wie Österreich viele Fehler gemacht wurden und werden.

Welche Fehler meinen Sie?

Es landen noch immer viel zu viele Kinder in sonderpädagogischen Einrichtungen. Ich halte Integrationsklassen für viel vernünftiger. Ich war ja in einer Sonderschule - und als ich dann in die Regelschule kam, wurde ich zu Beginn behandelt wie eine Außerirdische. Ich habe drei Monate gebraucht, bis ich Freunde fand, ich wurde herablassend behandelt und diskriminiert. Meine Mitschülerinnen hatten eben davor nie blindes Mädchen kennengelernt. Daraus schließe ich: Man darf Sehbehinderte und Blinde nicht separieren. Ich habe bis heute das Gefühl, man hat mir meine Kindheit gestohlen. Manchmal fragen mich meine Kinder, ob ich dieses oder jenes als Kind gespielt hätte - da muss ich dann verneinen. Ich hatte nie dieselben Erfahrungen, wie sie andere Kinder haben, weil man uns in der Sonderschule vieles nicht machen ließ.

Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile von Integrationsklassen?

Wie eben erwähnt, die Normalisierung von Menschen mit Einschränkungen und anderen Fähigkeiten. In der Regel sind Blinde in der Schule topmotiviert. Für sie ist Bildung der einzige Weg, ihr Leben zu verbessern. Wenn diese Schülerinnen und Schüler dann auf der Leistungstabelle der Klasse ganz oben stehen, ist das eine Motivation für alle anderen, sich ebenfalls anzustrengen.

Unternehmen Länder wie Äthiopien genug, um zu verhindern, dass Menschen erblinden?

Würde Blindheit zum Tod führen, wären die Anstrengungen wohl intensiver. Trachom, eine Krankheit, die das Augenlicht gefährdet, ließe sich mit einfachen Hygienemaßnahmen verhindern. Solange Blindheit nicht tötet wie HIV oder Malaria, wird das offenbar nicht als dringendes Problem betrachtet.

Das Mobiltelefon erleichtert das Leben von Sehbehinderten. Wie nutzen Sie Ihr Smartphone?

Früher waren Blinde auf Lesen von Dokumenten in Braille-Schrift angewiesen. Da füllt ein kurzer Absatz gleich einmal eine Seite. Braille-Bücher sind ziemlich dick und schwer und teuer. Mit dem Smartphone kann ich mir Texte vorlesen lassen, Karten helfen bei der Orientierung, und man kann das Gerät sogar mittels Sprache bedienen. Derzeit hat "Licht für die Welt" einen Versuch mit Audiobüchern in Burkina Faso und Äthiopien - eine Riesenhilfe für Sehbehinderte! Schauen Sie einmal in Ihrem Smartphone nach: Da verbergen sich etliche nützliche Bedienungshilfen, die Menschen mit vollem Sehvermögen gar nicht kennen, weil sie es nicht brauchen. Für Inklusion ist Technologie ein wichtiger Faktor.