Ausgerechnet während der Reisewelle anlässlich des chinesischen Neujahrsfests breitet sich eine neuartige Lungenerkrankung sprunghaft aus. Mit diesem Coronavirus haben sich nach Behördenangaben mittlerweile mehr als 200 Menschen in der Volksrepublik angesteckt, drei von ihnen starben. Weitere Infektionen wurden aus Thailand, Japan und Südkorea gemeldet. Die Krankheit wirft viele Fragen auf.

Der Erreger zählt zur großen Familie der Coronaviren und wurde vor den seit Dezember auftretenden Fällen noch nie beobachtet. Seinen Ursprung hat er wahrscheinlich auf einem Fischmarkt in Wuhan, einer Stadt mit elf Millionen Einwohnern in der ostchinesischen Provinz Hubei. "Man nimmt an, dass die Quelle auf diesem Markt verkaufte Tiere waren", sagt Arnaud Fontanet, Leiter der Abteilung für die Epidemiologie neu auftretender Krankheiten am Pariser Pasteur-Institut. Der Markt wurde zu Jahresbeginn geschlossen und desinfiziert.

Analysen des Erbguts hatten dem Berliner Virusforscher Christian Drosten zufolge ergeben, dass es sich bei dem Erreger um eine SARS-Variante handelt (die "Wiener Zeitung" berichtete). Demnach ähnelt der neue Erreger jenem Coronavirus, das in den Jahren 2002/2003 eine Epidemie der Atemwegserkrankung SARS (Severe acute respiratory syndrome) verursacht hatte. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkrankten weltweit 8096 Menschen an SARS, 774 von ihnen starben. Damals wurden 349 Todesfälle aus Festland-China gemeldet und 299 weitere aus der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong.

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WHO: Novel Coronavirus
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"80 Prozent Ähnlichkeit"

Bei dem SARS-Erreger und dem nun aufgetretenen Coronavirus bestehen laut Fontanet zu "80 Prozent Ähnlichkeiten" im Erbgut - und beide verursachen Atemwegserkrankungen. Bisher infizierten sich nach Behördenangaben mehr als 200 Menschen mit dem Virus, fast alle in China. Die meisten der anfänglich 41 erkrankten Personen seien Männer im Alter zwischen 40 und 69 Jahren gewesen und hätten einen Kontakt zu dem Huanan Seafood-Großhandelsmarkt von Wuhan gehabt. Drei Patienten in China starben. Insgesamt vier weitere Infektionen wurden aus Thailand, Japan und Südkorea gemeldet. Alle Patienten hatten sich zuvor in Wuhan aufgehalten.

Das Londoner Zentrum für die Analyse globaler Viruserkrankungen schätzt die tatsächliche Zahl der Infizierten deutlich höher als von China angegeben: Es geht von mehr als 1700 Infizierten aus.

Mensch-zu-Mensch-Übertragung nicht ausgeschlossen

Nach Angaben des deutschen Robert-Koch-Instituts (RKI) gibt es derzeit "keine Hinweise auf eine fortgesetzte Mensch-zu-Mensch-Übertragung", sie sei aber in Einzelfällen nicht ausgeschlossen. Die chinesischen Behörden haben 700 Kontaktpersonen der Infizierten untersucht. Sie stellten dabei nur eine Infektion bei einer Frau fest, deren Mann auf dem verdächtigen Fischmarkt arbeitete und die versichert, nie dort gewesen zu sein.

Die ständig neuen Fälle bis hin ins Ausland ließen "befürchten, dass eine Von-Mensch-zu-Mensch-Übertragung existiert", betont Fontanet. Wenn überhaupt sei dieser Übertragungsweg aber "sehr eingeschränkt".

Suche nach der Quelle

"Angesichts der weltweiten Reisegewohnheiten sind neue Fälle in anderen Ländern wahrscheinlich", warnte die WHO. Innerhalb Chinas könnte sich das Virus auch durch den massiven Reiseverkehr anlässlich des Neujahrsfests am Wochenende weiter ausbreiten. Um die Krankheit einzudämmen, muss schnell ihre Quelle gefunden werden. Deswegen werden derzeit in der Region Wuhan unterschiedliche Tiere untersucht, wie Raina MacIntyre von der University of New South Wales in Sydney sagt.

Außerdem haben die Behörden ein wachsames Auge auf aus Wuhan kommende Reisende, sie werden bei Symptomen von Atemwegserkrankungen isoliert. Um internationale Maßnahmen zur Eindämmung des Virus zu unterstützen, haben die chinesischen Behörden früh seine Gensequenz veröffentlicht, wie Adam Kamradt-Scott, Infektionsexperte der University of Sydney, betonte. Dies habe es ermöglicht, einen Test zur Identifizierung von Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus zu entwickeln.

Geringe Gefahr für Europa

Das Virus dürfte für die EU kaum eine Gefahr bedeuten. Das ist der Stand des Wissens laut Europäischem Zentrum für Krankheitskontrolle (ECDC/Stockholm). "Die Wahrscheinlichkeit, eines Imports des Virus in die EU ist als gering zu betrachten", teilte die Behörde mit.

Wichtig für die Risikobewertung der ECDC: "Bisher konnte keine Mensch-zu-Mensch-Übertragung dokumentiert werden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann das aber auch nicht ausgeschlossen werden. Es wurden keine Fälle unter Beschäftigten des Gesundheitswesens berichtet", schrieb die EU-Behörde.

Auch die Gefährlichkeit des Virus selbst dürfte im Vergleich zur SARS-CoV von vor einigen Jahren und zu dem vor allem von Kamelen stammenden MERS-CoV-Erregern geringer sein. "Die klinischen Informationen zu den (labormäßig; Anm.) betätigten 2019-nCoV-Fällen deuten bisher auf einen milderen Verlauf (...) hin." Derzeit erscheine der neue Erreger weniger gefährlich als der SARS-Erreger, sagte auch Experte Fontanet. Wenn das Coronavirus wie damals mutiere und dadurch schneller übertragbar werde, könne sich dies aber ändern.

Vorbereitungen an Flughäfen

In der EU gebe es nur drei Flughäfen mit Direktflügen aus Wuhan. "Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Reisende aus der EU bzw. dem europäischen Wirtschaftsraum (EEA; Anm.) beim Besuch von Tiermärkten (Fisch, Meeresfrüchte oder andere Tiere) in Wuhan infizieren, ist als moderat zu betrachten (...). Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Reisende beim Besuch von Wuhan außerhalb dieser Märkte infizieren, ist als gering einzuschätzen, weil es bisher keinen Hinweis darauf gibt, dass das Virus innerhalb der Bevölkerung grassiert", teilte ECDC mit.

Allerdings müssen sich jene asiatischen Länder, zu denen die Reiseverbindungen mit Wuhan am umfangreichsten sind, laut der EU-Behörde auch auf das Ankommen von Kranken gefasst machen. Der Flughafen von Wuhan hat ein Fieber-Screening bei Ausreisenden etabliert. Flughäfen in Hongkong, Indonesien, Malaysia, Myanmar, den Philippinen, Singapur, Taiwan, Thailand, Russland und Vietnam führen solche Screenings bei Reisenden aus Wuhan durch. Die Effektivität solcher Maßnahmen ist seit Jahren umstritten, schadet aber jedenfalls nicht.

China: Kampf gegen die Ausbreitung

Der chinesische Präsident Xi Jinping hat am Montag einen entschlossenen Kampf gegen die Ausbreitung der neuen Lungenkrankheit angekündigt. "Das Leben und die Gesundheit der Menschen sollten oberste Priorität haben und die Ausbreitung des Ausbruchs sollte entschieden eingedämmt werden", wurde Xi am Montag vom staatlichen Fernsehen zitiert.

Chinas Gesundheitskommission erklärte in Peking, der Übertragungsweg sei "noch nicht völlig verstanden".

Coronaviren verursachen oft harmlose Erkrankungen wie Erkältungen - allerdings gehören auch Erreger gefährlicher Atemwegskrankheiten wie SARS und MERS dazu. Bei der SARS-Pandemie 2002/2003 war der Ausbruch anfangs vertuscht worden, was eine schnelle Reaktion verhindert und die Verbreitung begünstigt hatte. Auch der damalige SARS-Erreger sprang höchstwahrscheinlich von einem Wildtier auf den Menschen über, angenommene Quelle sind Schleichkatzen.

Die chinesischen Behörden hätten bereits eine Hypothese, von welcher Tierart der neue Erreger auf den Menschen übergesprungen sein könnte, erklärte Virusforscher Drosten. "Das wird aber erst offiziell verkündet, wenn es als gesichert gilt."

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprach bisher keine Reisewarnung für Touristen aus. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC riet Reisenden nach Wuhan lediglich, Tiermärkte und den Kontakt mit Tieren oder mit kranken Personen zu meiden. "Eine begrenzte Übertragung von Mensch zu Mensch könnte vorkommen."  (dpa, apa)