Marquito Isarama steht still vor dem Grab auf dem winzigen Friedhof in Nueva Bellavista. Einige Backsteine hat man zu einem Rechteck gemauert, den Körper des Toten hineingelegt und Beton darüber gegossen, er glänzt noch frisch. Mit dem Finger hat jemand hineingeschrieben: "Rogerio P., 13-10-2019". Am Fuß des Grabs liegen Plastikblumen. "Er war mein Freund", sagt Marquito Isarama, "die Kugel traf ihn gestern in den Kopf."

Der Mann, der im Grab liegt, hieß Rogerio Palacios. Er war ein einfacher Bauer in dem Örtchen Carillo, das aus ein paar Hütten am Ufer des Flusses Atrato besteht, der hellbraun und voller Plastikmüll durch den Dschungel Nordwestkolumbiens mäandert. Palacios starb während eines Gefechts zwischen linken Guerilleros der Nationalen Befreiungsarmee (ELN) und rechten Paramilitärs, die sich Gaitanistische Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens (AGC) nennen.

Alte Themen, neue Konflikt

Die Bauern, die mit ihm im Dorf waren, berichten, dass die Paramilitärs Palacios wegen seiner Kleidung für einen Kämpfer, einen Guerillero, hielten und auf ihn schossen. Seine Kollegen brachten die Leiche dann mit einem Boot in das Städtchen Nueva Bellavista, in dem es einen Polizeiposten gibt. In Carillo fühlten sie sich nicht mehr sicher.

Noch einmal Respekt zeigen: Angehörige der Opfer von Bojayá warten auf die Ankunft der Urnen. - © afp/Arboleda
Noch einmal Respekt zeigen: Angehörige der Opfer von Bojayá warten auf die Ankunft der Urnen. - © afp/Arboleda

Der 60-jährige Rogerio Palacios ist ein Opfer der neuen Konflikte Kolumbiens geworden. Drei Jahre nach dem weltweit beachteten Friedensschluss zwischen der marxistischen Farc-Guerilla und der kolumbianischen Regierung - Präsident Manuel Santos bekam dafür 2016 den Friedensnobelpreis - flammen in dem südamerikanischen Land wieder Kämpfe auf. Sie verlaufen nicht entlang der alten Gräben, sondern beschreiben ein neues, chaotischeres Szenario mit einer Vielzahl von Akteuren, die um Territorien und Einfluss konkurrieren. Konfliktforscher verwenden für solche Situationen gerne den Begriff "diffus". Betroffen sind vor allem arme und ländliche Regionen wie beispielsweise das Departement Chocó an der kolumbianischen Pazifikküste.

Urnen mit den Überresten der Opfer von Bojayá werden für die Trauerzeremonie gebracht. - © afp/Arboleda
Urnen mit den Überresten der Opfer von Bojayá werden für die Trauerzeremonie gebracht. - © afp/Arboleda

In Chocó ist jeder Dritte von der Gewalt betroffen

200.000 Menschen wurden hier 2019 laut Vereinten Nationen auf die eine oder andere Weise Opfer der neuen Auseinandersetzungen, etwa weil sie vor Kämpfen fliehen mussten. Es ist ein Drittel der hiesigen Bevölkerung. Erste Stimmen warnen nun bereits davor, dass der gesamte Friedensprozess in Gefahr geraten könnte, wenn es so weitergeht. Diese Angst hat auch Marquito Isarama in Nueva Bellavista. "Der Krieg kehrt zurück", sagt er und berührt das Grab von Rogerio Palacios, um Abschied zu nehmen. "Eigentlich war er nie fort."

Der verstümmelte Christus ist heute ein Symbol für jene, die den Konflikt mit sich tragen. - © afp/Arboleda
Der verstümmelte Christus ist heute ein Symbol für jene, die den Konflikt mit sich tragen. - © afp/Arboleda

Isarama läuft die einzige Straße von Nueva Bellavista hinunter, sie führt zum Anleger am Fluss. Er trägt lange Jeans, die für das schwülheiße Wetter eigentlich viel zu warm sind, und ein modisches helles Hemd, das leicht über seinem Bauch spannt. Der 30-Jährige ist klein und kompakt gebaut und aus seinem runden Gesicht blitzen zwei lustige schmale Augen auf. Er sagt, dass er stolz darauf sei, zu den Embera Dobidá zu gehören, der größten indigenen Gruppe in Chocó. Eigentlich stammt Isarama in dem Dorf Unión Cuiti. "Aber ich musste fliehen", sagt er, "als die Morddrohungen kamen." Die Attacken auf das Unión Cuiti begannen Anfang des Jahres, berichtet Isarama. Paramilitärs seien erschienen und hätten den Bewohnern verboten, das Dorf zu verlassen.

"Wir konnten nicht mehr auf unsere Felder", sagt er. "Die Bananenernte verrottete und wir trauten uns nicht, Yucca, Reis und Mais zu pflanzen. Früher lebten wir in Frieden, wir hatten unsere Felder und den Fluss. Aber jetzt sind unsere Kinder unterernährt und sie weinen vor Hunger." Rund 13.000 Menschen, so schätzen die Vereinten Nationen, seien derzeit in Chocó praktisch in ihren Dörfern gefangen, weil sie von Bewaffneten am Ausgang gehindert werden. Die Paramilitärs wollen das Land kontrollieren. "Sie verlegen dafür sogar Tretminen, sagt Isarama.