"Todesvirus" steht da in dicken Lettern auf Seite eins eines Boulevardblatts. Sind abgeriegelte Millionen-Metropolen in China, groß angelegte Fieberkontrollen und Desinfektionskampagnen ein Indiz für begründete Panik oder ein Zeichen dafür, dass die Gesundheitsbehörden diesmal besonders umsichtig und gründlich reagieren?

Ausbrüche gefährlicher Erreger sind Phänomene, die regelmäßig auftreten: Die SARS-CoV-Pandemie von 2002/2003, die Vogelgrippe von 2006 und eben nun das Coronavirus 2019-nCoV.

Die Verantwortlichen stehen bei derartigen Ereignissen regelmäßig vor Kommunikations- und Handlungsdilemmata.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Das Kommunikationsdilemma: Einerseits gilt es, die Öffentlichkeit auf die Gefahren, die vom neuartigen Virus ausgehen, aufmerksam zu machen und die Bevölkerung für Schutzmaßnahmen zu sensibilisieren, andererseits wollen die Verantwortlichen auch keine Panik verbreiten. Das sei keine einfache Balance, meint Verena Nowotny, Krisenkommunikationsexpertin beim Beratungsunternehmen Gaisberg-Consulting: "Die Informationslage ist ständig im Fluss, man muss in Kauf nehmen, dass man zuvor vermittelte Informationen angesichts eines aktuellen Wissenstands revidieren muss. So hieß es zuerst, eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Virus sei unwahrscheinlich - heute wissen wir, dass dies leider nicht der Fall ist." Da helfe nur Transparenz: Man müsse der Öffentlichkeit gegenüber klar vermitteln, was man weiß - oder eben noch nicht weiß. Die Kommunikationslinie der Bundesregierung bewertet Nowotny positiv. Nowotny war vor ihrer Tätigkeit bei Gaisberg Sprecherin der österreichischen Vertretung bei den Vereinten Nationen, während Österreich als nichtständiges Mitglied im zentralen Gremium der UN saß, und war davor außenpolitische Sprecherin von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Es werde eine aktive Informationspolitik betrieben, über Verdachtsfälle sei ebenso rasch und umfassend informiert worden wie über die Entwarnung, als sich der Verdacht als unbegründet herausgestellt habe. "Man kann reißerischen Headlines nur dadurch begegnen, indem man sich als glaubwürdige Informationsquelle etabliert", sagt Nowotny. Auftritte von Gesundheitsminister Rudi Anschober seien da nur ein Kommunikationskanal, die telefonische Gesundheitshotline 1450, an die man sich mit Fragen wenden könne, ein weiterer.

"Mit Aktionismus ist niemandem geholfen"

Die verantwortlichen Akteure stehen auch vor einem Handlungsdilemma: Die Verantwortlichen müssen gegenüber der Öffentlichkeit einen entschlossenen Eindruck machen. "Mit Aktionismus ist wiederum niemandem geholfen", sagt Nowotny. Die Verantwortlichen seien gefordert, anhand der Gefährdungslage die entsprechenden Verordnungen zu erlassen. "Es ist aber auch die Eigenverantwortung des Bürgers gefordert: Regelmäßiges Hände waschen sollte in der Grippesaison ohnehin selbstverständlich sein. Aber der Staat kann den Bürgerinnen und Bürgern ja nicht bis ins Badezimmer folgen, da müssen die Menschen schon selbst Verantwortung übernehmen. Jetzt im Winter Handschuhe zu tragen und vorsichtshalber Gesichtsmasken anschaffen, ist auch nicht verkehrt."

Marcus Bachmann ist Experte für Virus-Epidemien bei der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" und hat für diese NGO unter anderem in Ebola- und Masern-Gebieten wie etwa der Zentralafrikanischen Republik, Sierra Leone oder der Demokratischen Republik Kongo unter schwierigsten Bedingungen gearbeitet: "Egal, um welche Gesundheitskrise es sich handelt - zuerst müssen die Ängste angesprochen werden und man muss von der Emotions- auf die Faktenebene."

Wie Nowotny warnt auch Bachmann vor Aktionismus: "Wenn die Menschen das Gefühl haben, sie könnten in einer Isolierstation-Maschinerie landen, dann kann es passieren, dass Erkrankte sich aus Angst, sie könnten ihre Handlungsautonomie verlieren, sich nicht in Behandlung begeben."

"Gefragt ist der Arzt, nicht der Polizist"

Bachmann sieht auch den Trend, dass Fragen der Gesundheitspolitik zunehmend aus sicherheitspolitischer Perspektive betrachtet werden, kritisch. "Wenn man hauptsächlich über Zwangsmaßnahmen versucht, der Epidemie zu Leibe zu rücken, dann bekämpft man die Erkrankten und nicht die Krankheit. Da wird dann ein am Coronavirus erkrankter Patient als Bedrohung dargestellt und wahrgenommen." Dazu kommt laut Bachmann, dass Staatssicherheitsapparate ihren militärischen oder polizeilichen Handlungslogiken und nicht medizinischer Praxis folgen: "Letztlich ist es aber der Arzt - und nicht der Polizist oder Soldat -, der eine Krankheit wirksam bekämpft."