Es sieht aus wie ein Sandsturm, doch dann tönt ein Zirpen. Tatsächlich ist es ein riesiger Heuschreckenschwarm. Milliarden von Wüstenheuschrecken wimmeln heran und fressen bei jeder Rast alle Feldfrüchte und Blüten, alle Blätter, Samen, Körner und Halme auf Flächen, die so groß wie Städte sind. Kaum gekommen, sind sie schon wieder weg. Außer Verwüstung hinterlassen sie - nichts.

In Ostafrika und in Teilen Südasiens wütet die größte Heuschrecken-Plage seit einem Vierteljahrhundert, in Kenia sogar seit 70 Jahren. Sie entzieht Millionen von Menschen die Lebensgrundlage. Zehntausende Hektar Acker und Weideland in Äthiopien, Kenia, Uganda, Somalia und Pakistan haben die Schwärme bereits zerstört. Somalia und Pakistan haben den Notstand ausgerufen. Es drohen katastrophale Hungersnöte in der Region.

"Wir leben in Abhängigkeit von den Jahreszeiten. Wir haben Angst, dass die Heuschrecken unsere gesamte Ernte vernichten und wir für den Rest des Jahres hungern werden müssen", sagt Esther Kithuka, Bäuerin in Somalia, zum Nachrichtensender "Al-Jazeera". "In der Region sind bereits zwölf Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Wir fürchten, dass die Insekten-Invasion die Situation weiter verschlimmern wird", zeigt sich Dominique Burgeon von der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen alarmiert. Wüstenheuschrecken gelten als die gefährlichsten Wanderinsekten. Sie legen enorme Distanzen in sehr kurzer Zeit zurück, weswegen auch weitere Länder vor ihnen nicht sicher sind. Die Schwärme steigen bis in luftige Höhen auf. Ein Flugzeug der Ethiopian Airlines musste kürzlich die Flugrichtung ändern, weil ihm die Heuschrecken sonst ins Triebwerk geflogen wären. Laut den Vereinten Nationen könnte sich der Befall speziell in Somalia zur zerstörerischsten Plage seit Menschengedenken ausweiten. Die Wüstenheuschrecke (Schistocerca gregaria) ist im Grunde ein Grashüpfer. Sie wird vom Ei zur geschlechtsunreifen Nymphe und dann zu einem erwachsenen, fliegenden Insekt von imposanter Größe. Doch nicht ihre Länge von bis zu neun Zentimetern, sondern ihre gespaltene Persönlichkeit macht sie so gefährlich. Die Wüstenheuschrecke ist schizophren: Unter normalen Umständen ist sie ein stiller, ortsgebundener Einzelgänger von brauner Färbung. Wenn aber für eine Generation die Bedingungen besonders gut sind, können sich so viele Larven entwickeln, dass der Lebensraum für die gesamte Population eng wird und die Nahrungsreserven knapp werden. Die Tiere geraten in ständigen Körperkontakt. Häufige Berührungen der Hinterbeine lösen die Produktion des Hormons Serotonin aus, das die Tiere gesellig werden lässt. Sie rotten sich in Gruppen zusammen. Wenn es noch enger wird, wandern die Gruppen aus.

In dieser Wanderphase werden die Wüstenheuschrecken zu gelb-grünen Mini-Monstern. Sie gleichen ihr Verhalten komplett aneinander an, wodurch die Zugrichtung des Schwarms konstant bleibt: Bis zu zehn Milliarden Individuen fliegen als pfeilartiges Geschoss mit dem Wind. In ihren Flugphasen legen sie bis zu 150 Kilometer am Tag zurück, in ihren Rastphasen grasen sie alles ab. Je nach Windlage können die Schwärme bis in 1500 Meter Höhe aufsteigen. Meist aber bilden sie ein flacheres, bodennahes Gewimmel. Die Dichte innerhalb eines Schwarms wird auf 50 Millionen Individuen pro Quadratkilometer geschätzt, oder 50 Tiere pro Quadratmeter. Anders als ihre solitären Artgenossen, schwärmen sie tagsüber, und zwar für neun bis zehn Stunden.

Die Wüstenheuschrecke ist ein Grashüpfer von imposanter Größe. Doch nicht ihre Länge von bis zu neun Zentimetern, sondern ihre gespaltene Persönlichkeit macht sie zum gefährlichsten Wanderinsekt. - © stock.adobe.com/fotowese
Die Wüstenheuschrecke ist ein Grashüpfer von imposanter Größe. Doch nicht ihre Länge von bis zu neun Zentimetern, sondern ihre gespaltene Persönlichkeit macht sie zum gefährlichsten Wanderinsekt. - © stock.adobe.com/fotowese

Klimaexperten schreiben die Heuschrecken-Plage einem Wechsel von Dürrezeiten und starken Überschwemmungen am Horn von Afrika zu und führen dies auch auf den Klimawandel zurück. "Die vergangenen fünf Jahre waren die wärmsten seit der Industriellen Revolution und seit 2009. Starke Wärmeperioden stehen in Verbindung mit besonders aggressiven Heuschreckenschwärmen", erläutert Richard Munang, Klimaexperte für Afrika beim United Nations Environment Programme (Unep). "Zugleich begünstigt der Regen die Fortpflanzung dieser Grashüpfer. Von Oktober bis Dezember 2019 gab es in der Region um bis zu 400 Prozent mehr Regenfälle als normalerweise. Hinzu kam der Indische-Ozean-Dipol, der sich durch den Klimawandel verstärkt." Diese Anomalie der Meeresoberflächentemperatur ist dem El Nino-Phänomen ähnlich und steht mit Überflutungen in Verbindung.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres sieht einen direkten Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der Heuschreckenplage: "Wärmere Meeresgewässer bedeuten mehr Zyklone, die für Heuschrecken perfekte Brutstätten schaffen; es wird täglich schlimmer", sagte er kürzlich in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. 20 der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder liegen auf dem afrikanischen Kontinent, dessen Bevölkerung aufgrund der anhaltend geringen sozioökonomischen Entwicklung besonders verwundbar ist. Die Ärmsten schweben in höchster Gefahr, da ihnen die Ressourcen fehlen, um die Auswirkungen des Klimawandels zu mindern.

Jede Heuschrecke frisst täglich so viel, wie sie wiegt, und ein durchschnittlich großer Schwarm so viel wie zehn Elefanten oder 2500 Menschen. Da keine Wetterveränderung zu erwarten ist, steht eine zweite Phase der Plage bevor. "Die Insekten vermehren sich jetzt zur Brutzeit im Februar überall", erklärt Alphonse Owuor von der FAO dem deutschen Nachrichtensender ARD. Owuor rechnet mit einem grimmigen Populationswachstum um den Faktor 500, denn die Tiere paaren sich massenhaft. Danach legen die Weibchen ihre Eier tief in den Boden. Vier Wochen später schlüpft der Nachwuchs und das Problem vervielfacht sich. Und das ist nicht das einzige Problem. Denn wenn es aufhört zu regnen, bleiben die Heuschrecken-Exkremente liegen. Wenn es dann später wieder regnet, versickert der Kot und vergiftet das Vieh. Vor dem Hintergrund einer ohnehin schon schwierigen Ernährungslage gleicht das der Apokalypse.

Die UNO warnt vor einer Hungersnot für 13 Millionen Menschen. Am Wochenende seien unzählige Schwärme von Kenia aus über den Kilimandscharo nach Tansania weitergewandert. Wenn die Weltgemeinschaft nicht unverzüglich reagiere, werde die Nahrungsmittelversorgung in der Region im Jahresverlauf zu einem "gewaltigen Problem" werden, sagte UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock Anfang der Woche. Die FAO schätzt die Kosten für einen Plan zur Bekämpfung der Plage auf 76 Millionen US-Dollar (70 Millionen Euro). Bisher habe die UNO aber nur 20 Millionen Euro sammeln können.

Viel Regen, extreme Hitze

Um die Gefahr einzudämmen, werden derzeit Pestizide aus der Luft und am Boden versprüht. Um die zirpende Pest aber flächendeckend bekämpfen zu können, wäre eine weitaus größere Flotte an Flugzeugen nötig (siehe weiterer Bericht).

Wanderheuschrecken kommen auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis vor. Die Europäische Wanderheuschrecke Locusta migratoria trat über Jahrhunderte in ganz Mitteleuropa auf. Die letzte große Plage gab es 1749, die Tiere kamen jedoch bis ins 19. Jahrhundert noch am Unterlauf der Donau und in den Wolgasteppen vor. Mittlerweile sind sie in Europa selten geworden.

Wüstenheuschrecken reisen über Kontinente. Sie überqueren regelmäßig das Rote Meer. Allein in den 1900er Jahren wurden sechs Plagen registriert. 1954 erreichte ein nordwestafrikanischer Schwarm sogar Großbritannien, 1988 ein weiterer die Karibik. Gelegentlich driftet die Wüstenheuschrecke sogar nach Mitteleuropa, allerdings übersteht sie unsere Winter nicht. Mittelmeerländer können hingegen schon mal einen größeren Schwarm abbekommen. Aktuell sind die Länder auf beiden Seiten des Roten Meeres gefährdet, also Sudan, Ägypten, Eritrea, Jemen, Saudi-Arabien, Oman, Iran und Indien.