Als Jessica Mann als Zeugin gegen Harvey Weinstein auftritt, vergleicht sie den früheren Filmproduzenten mit "Jekyll und Hyde": In der Öffentlichkeit charmant, sei Weinstein unter vier Augen wütend und manipulativ gewesen. "Wenn er das Wort ,Nein‘ hörte, war das für ihn wie ein Trigger", so Mann Anfang Februar vor dem Schwurgericht in New York, in dem der Vergewaltigungsprozess gegen den Filmproduzenten geführt wird. Die Schauspielerin wirft Weinstein vor, sie 2013 vergewaltigt und zudem mehrmals sexuell belästigt zu haben. Weinstein verfolgt die Vorwürfe schweigend - auf Rat seiner Anwälte hat er während des gesamten Prozesses nicht ausgesagt - und schüttelt nur hin und wieder den Kopf.

Nun liegt sein Schicksal in der Hand von zwölf Geschworenen. Sie beraten ab Dienstag darüber, ob der 67-Jährige schuldig ist. Fast 90 Frauen haben Weinstein vorgeworfen, sie genötigt oder vergewaltigt zu haben. Im Prozess in New York geht es aber nur um zwei Fälle: Den Vergewaltigungsvorwurf von Jessica Mann und die Anklage seiner ehemaligen Produktionsassistentin Mimi Haleyi, die Weinstein vorwirft, sie 2006 zum Oralsex gezwungen zu haben. Vier weitere Frauen sagten vor Gericht aus, Weinstein habe sie sexuell attackiert. Staatsanwältin Joan Illuzzi-Orbon sprach von einem "Raubtier", das seine Macht schamlos ausgenutzt habe, um sich an jungen Frauen zu vergehen.

Weinstein erkaufte sich Schweigen

Weinstein weist alle Vorwürfe zurück und spricht von einvernehmlichem Sex. Seine Anwälte versuchten indes, die mutmaßlichen Opfer zu diskreditieren. Mann und Haley haben eingeräumt, mit Weinstein nach den mutmaßlichen Übergriffen mindestens einmal sexuellen Kontakt gehabt zu haben. Das ist zwar nicht ungewöhnlich - Opfer von sexueller Gewalt erhalten den Kontakt mit dem Täter häufig aufrecht, wie eine Psychologin im Prozess aussagte. Doch die Tatsache, dass Mann jahrelang mit Weinstein in Kontakt blieb, macht es seinen Anwälten einfacher, die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen infrage zu stellen. So versuchte Donna Rotunno gar, den ehemaligen Filmproduzenten als Opfer zu inszenieren: Die Frauen hätten Weinstein manipuliert und ausgenutzt, um ihre eigenen Karrieren voranzutreiben. Vor Gericht zeigte Rotunno E-Mails, die belegen sollen, dass die Frauen von Weinstein profitiert und auch nach den mutmaßlichen sexuellen Attacken ein gutes Verhältnis zu ihm gehabt hätten. In ihrem Schlussplädoyer forderte sie die Geschworenen auf, eine "unpopuläre Entscheidung" zu treffen und Weinstein freizusprechen.

Bis es zu einem Urteil kommt, können Tage oder sogar Wochen vergehen; die fünf Frauen und sieben Männer müssen einstimmig zu einem Urteil kommen. Gelingt ihnen das nicht, wäre der Prozess geplatzt.

Für die weltweite #MeToo-Bewegung ist das Verfahren Bühne und Prüfstein zugleich. Die Aktion, die sexuelle Übergriffe auf Frauen seit Herbst 2017 ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit rückt, ist eine direkte Folge der Vorwürfe gegen Weinstein. Unter den vielen Frauen, die Weinstein sexuelle Vergehen vorwarfen, waren auch bekannte Schauspielerinnen wie Gwyneth Paltrow, Angelina Jolie und Salma Hayek. Dass letztlich nur zwei Fälle vor Gericht landeten, liegt nicht nur daran, dass viele andere verjährt sind. Fast alle mutmaßlichen Opfer Weinsteins hatten sogenannte "non-disclosure agreements" unterschrieben. Ihnen drohen bei Vertragsbruch Millionenstrafen - Weinstein hatte sich ihr Schweigen erkauft.

Entscheidend dürfte aber auch das harte Vorgehen von Weinsteins Anwälten gegen mutmaßliche Opfer gewesen sein. Denn eines war klar: Wer gegen den Gründer des Miramax-Filmstudios aussagt, dessen Privatleben wird durchleuchtet, dessen Freunde werden befragt und der muss sich vor Gericht dem Kreuzverhör durch Weinsteins Anwälte stellen.

Sie machten auch Druck auf Medien. So behauptet der damalige NBC-Journalist Ronan Farrow, er habe bereits im Sommer 2017 genug Material für eine Story über Weinstein gehabt - doch der Fernsehsender sei unter Druck gesetzt worden und habe einen Rückzieher gemacht. Daraufhin wechselte Farrow zum "New Yorker" und berichtete dort darüber, dass Weinstein 13 Frauen sexuell genötigt und weitere drei vergewaltigt haben soll. Auch die "New York Times" ließ sich nicht einschüchtern. Weinstein erschien höchstpersönlich in der Redaktion, um die Veröffentlichung der Vorwürfe gegen ihn zu verhindern, doch es half nichts. Am Tag darauf erschien die erste Story über ihn.

Viele mutmaßlichen Opfer wurden aber eingeschüchtert. Im Juli 2017 beauftragte Weinstein den von ehemaligen Mossad-Agenten gegründeten Sicherheitsdienst "Black Cube", um vermeintliche Opfer auszuforschen und eine Veröffentlichung ihrer Vorwürfe zu verhindern. Die Detektive nahmen Kontakt zu dutzenden Frauen auf, sammelten Informationen zu deren persönlichen und sexuellen Geschichte und berichteten Weinstein darüber. Bei Treffen mit der Schauspielerin Rose McGowan, die Weinstein der Vergewaltigung beschuldigt, gab sich eine Agentin als Frauenrechtlerin aus. Unter einem anderen Namen behauptete sie später gegenüber Journalisten, selbst Vorwürfe gegen den Filmmogul erheben zu wollen - um herauszufinden, welche Frauen bereits mit der Presse gesprochen hatten.

Jeder wusste von "Besetzungscouch"-Praktik

In Hollywood waren Weinsteins "Besetzungscouch"-Praktiken jahrzehntelang ein offenes Geheimnis. Immer wieder gab es in der Öffentlichkeit Andeutungen darüber, dass der mächtige Filmproduzent jungen Frauen die große Karriere im Tausch gegen sexuelle Dienste versprach und mitunter nicht davor zurückschreckte, Gewalt anzuwenden. Doch vor Herbst 2017 gab es kaum Berichte über Weinsteins sexuelle Angriffe - weil sie schwer zu beweisen waren, weil Weinstein ein mächtiger Mann war, weil den mutmaßlichen Opfern vorgeworfen wurde, sich lediglich rächen zu wollen.

Wie auch immer das Verfahren um Weinstein ausgeht, der Prozess zeigt, wie schwierig eine Aufarbeitung sexueller Übergriffe ist, vor allem, wenn der Angeklagte über Geld und Macht verfügt. Der Weinstein-Skandal hat eine öffentliche Debatte über Machtmissbrauch im Showbusiness ausgelöst - und darüber hinaus. Nach Bekanntwerden des Skandals berichteten Frauen unter dem Hashtag "MeToo" auf Twitter über ihre eigenen Erfahrungen. Die Bewegung trat eine Lawine los: Weil viele Frauen über sexuelle Übergriffe berichteten, fiel es anderen einfacher, das ebenfalls zu tun. Die Schweigespirale war durchbrochen.(sig/ag)