Washington. Über Geld spricht man nicht. Und über teure Anwaltskosten in Kriminalfällen schon gar nicht. Das hat auch mit dem tief verankerten Glauben zu tun, dass der Unschuldige ja nur die Wahrheit an seiner Seite braucht.

Gewiefte Anwälte hingegen kosten Geld. In den USA werden ihre Stundensätze mit rund 1000 Dollar veranschlagt (exklusive jenem der Mitarbeiter). Alle Beträge sind nach oben offen. Vor allem, wenn man ein Nischenprodukt anbietet, für das der Angeklagte bereit ist, viel Geld auszugeben. Wie das zum Beispiel bei Donna Rotunno der Fall ist. Die Spitzenjuristin aus Chicago hat sich auf jene Fälle sexueller Gewalt spezialisiert, in denen das mutmaßliche Opfer weiblich ist und der mutmaßliche Täter männlich. Rotunno hat in Interviews eingeräumt, dass ihr Geschlecht ein Asset ist: Sie als Frau könne mit anklagenden Frauen weitaus grober und schärfer verfahren als ihre männlichen Kollegen. Schließlich geht es in solchen Fällen oft um die Optik. Die Jury muss ihr Urteil einstimmig fällen. Ein männlicher Anwalt, der eine Frau im Kontext eines Sexualstrafverfahrens verbal auseinandernimmt, kann hier unfreiwillig für Mitleid mit dem mutmaßlichen Opfer sorgen. Einer Frau, die dem mutmaßlichen Opfer Ungereimtheiten vorwirft, wird das eher erlaubt. Donna Rotunno, die nunmehrige Hauptanwältin im Strafverfahren gegen Harvey Weinstein, hat bisher erst einen Fall verloren. Alle anderen ihrer rund 40 Sexualstrafverfahren hat Rotunno gewonnen. Ihrer eigenen Aussage zufolge macht sie nur vor Kindern halt: Sie möchte nicht in der Position sein, ein Kind ins Kreuzverhör zu nehmen.

Rotunnos Expertise kostet natürlich. Und Weinstein wollte dem Vernehmen nach unbedingt eine Frau - zwei männlich geführte Anwaltsteams hat er im Laufe der Ermittlungen und des Verfahrens bereits gefeuert. Mit dem letzten Anwalt soll es etwa Zwistigkeiten bei der Form der Verteidigung gegeben haben. Der Jurist wollte Weinsteins mutmaßliches Verhalten (zwei Frauen werfen ihm im Verfahren erzwungene geschlechtliche Handlungen vor) als bloßes schlechtes Benehmen abtun, was keine strafrechtliche Relevanz habe. Nachdem schon an die 90 Frauen an die Öffentlichkeit gegangen waren und zu Protokoll gaben, von Weinstein in der einen oder anderen Form sexuell bedrängt worden zu sein, hat sich Weinsteins Verteidiger damals offenbar gedacht, es habe keinen Sinn, auf Unschuld zu plädieren, sondern man müsse die Taten als solche kleinreden.

Dann kam Rotunno. Sie verfolgt die Linie, dass Weinstein das Opfer ist, und die Frauen ihn ausgenützt hätten. Weinstein ist von Rotunno begeistert.

Der Hollywood-Produzent konnte es sich leisten, immer neue Anwälte auszuprobieren. Sein Vermögen wurde vor seiner Scheidung 2018 auf 250 Millionen Dollar geschätzt. Anwälte bekommen in den USA oft einen beachtlichen Vorschuss, dann werden ihre Stunden verrechnet, danach jene ihrer Mitarbeiter, dann die ihrer Ermittler und so weiter.

Wie sehr Anwälte zum Luxushobby werden, zeigt folgendes Beispiel. Ein anderer einstiger Hollywood-Star, nämlich Bill Cosby, der 2018 zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, klagte seine Anwälte noch aus dem Gefängnis heraus. Deswegen wurden deren Spesen öffentlich. Die Juristen hatten ihm für neun Monate fast neun Millionen Dollar in Rechnung gestellt. In einem Schiedsgericht einigte man sich schließlich auf 6,7 Millionen Dollar.(wak)