Patriotismus, Courage und Eigenständigkeit sollten die Buben bei den Boy Scouts of America lernen – so schreibt es ein Dokument aus dem Jahr 1916 vor. Doch für viele waren die Erfahrungen bei den US-Pfadfindern alles andere als positiv. Mehr als 12.000 Mitglieder der Organisation sind nach Angaben des Opferanwalts Jeff Anderson seit 1944 Opfer von sexuellem Missbrauch geworden. Demnach sind zudem mehr als 7800 mutmaßliche Täter in Akten aufgeführt, die der Organisation vorliegen.

Um Entschädigungszahlungen an die Opfer von sexuellem Missbrauch zahlen zu können, hat der Verband der US-Pfadfinder am Dienstag Konkurs angemeldet.

Das Insolvenzverfahren werde den Pfadfindern helfen, die Opfer durch die Einrichtung eines Fonds "angemessen zu entschädigen" und dem Verband die Möglichkeit geben, auf lokaler Ebene weiterzuarbeiten, hieß es in einer Erklärung der Boy Scouts of America. Veranstaltungen wie Zeltlager und Wanderungen könnten weiterhin stattfinden.

Organisation hat Missbrauch jahrzehntelang vertuscht

Den Boy Scouts of America wird vorgeworfen, Misshandlungen von Generationen von Jugendlichen vertuscht zu haben und nicht ausreichend gegen Pädophile in den eigenen Reihen vorgegangen zu sein. Derzeit laufen hunderte Klagen wegen Missbrauchsvorwürfen gegen die Organisation. Laut CNN kommen jetzt schon Entschädigungszahlungen von bis zu 500 Millionen Dollar auf die US-Pfadfinder zu. Sie könnten gezwungen werden, Liegenschaften zu verkaufen, darunter Campingplätze, Wanderwege und Häuser.

Der US-Pfadfinderverband hat nach eigenen Angaben rund 2,2 Millionen Mitglieder im Alter zwischen fünf und 21 Jahren – in den 1970ern waren es noch mehr als vier Millionen gewesen. Bereits kurz nach der Gründung im Jahr 1910 begannen die Pfadfinder damit, Fälle von Kindesmissbrauch in den eigenen Reihen zu dokumentieren, darunter Briefe von Opfern, Schreiben von mutmaßlichen Tätern und Ergebnisse interner Untersuchungen.

Doch die Organisation hat sich lange gewehrt, diese Akten freizugeben. Die Enthüllungen über sexuellen Missbrauch bei den Boy Scouts of America kamen 2012 durch ein Gerichtsverfahren ans Licht. Damals wurde die Organisation gezwungen, tausende vertrauliche Akten über Vorwürfe sexuellen Missbrauchs in den eigenen Reihen zu veröffentlichen.

Polizisten und Priester deckten Beschuldigte

Darin wurden mehr als 1200 Betreuer und Helfer der Jugendorganisation Boy Scouts aufgeführt, die in den Jahren 1965 bis 1985 wegen Missbrauchsvorwürfen von der Gruppe ausgeschlossen worden waren. Die internen Papiere zeigten, wie Amtsträger, darunter Polizisten und Priester, des Kindesmissbrauchs beschuldigte Betreuer jahrzehntelang deckten. Mehr als ein Drittel der Fälle wurde nicht angezeigt, viele andere haben die Behörden ignoriert, um den Ruf der Pfadfinder nicht zu beschädigen. Laut Opferanwalt Paul Mones belästigte oder missbrauchte jeder der mutmaßlichen Täter im Schnitt fünf bis 25 seiner Schutzbefohlenen.

Mones erwirkte bereits 2010 mit einer Klage gegen die Boy Scouts vor einem Gericht in Portland (Oregon) eine Entschädigung von 18,5 Millionen Dollar für einen ehemaligen Pfadfinder. Das Opfer war laut eigenen Angaben fünf Mal von einem Betreuer sexuell missbraucht worden, beim ersten Mal war er elf Jahre alt. Die Anwälte argumentierten damals, dass die Organisation von den Übergriffen gewusst hatte. Der Mann sei zwar als Betreuer abgesetzt worden, habe jedoch als freiwilliger Helfer bei den Boy Scouts bleiben dürfen.

Die Vorwürfe der aktuell ans Tageslicht gekommenen Fälle beziehen sich auf die 1960er bis 1980er Jahre. Ein Grund dafür, wieso sie erst jetzt angezeigt wurden, ist eine Änderung der Verjährungsfrist in den US-Bundesstaaten New York, Arizona, New Jersey und Kalifornien im vergangenen Jahr: Seither können auch Jahrzehnte zurückliegende Missbrauchsfälle angeklagt werden.

"Es wird keine Gerechtigkeit für die Opfer geben"

Mit der Insolvenz will die Organisation sicherstellen, dass nicht ihr gesamtes Vermögen für Prozesskosten verwendet werden muss. Der Pfadfinderverband sorge sich "sehr um alle Opfer von Missbrauch und entschuldigt sich aufrichtig bei allen, denen während ihrer Zeit bei den Pfadfindern Schaden zugefügt wurde", erklärte Geschäftsführer Roger Mosby. Die Organisation ruft Opfer auf, sich zu melden.

Mit dem Konkurs bleibt allerdings nicht mehr viel Zeit, um eine Klage einzubringen. Opferanwalt Mones geht von 90 Tagen bis neun Monaten aus. Zudem müssen jene Kläger, deren Fälle noch nicht verhandelt wurden, diese nun vor ein Insolvenzgericht bringen. Damit würden wohl viele davon auf unbestimmte Zeit aufgeschoben werden. "Die Gerechtigkeit, die die Opfer verdient haben, wird es am Ende nicht geben", sagte er zur "New York Times". "Das ist eine wahre Tragödie." (apa/afp/sig)