Die Zahl der weltweit diagnostizierten Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus ist auf mehr als 100.000 in 91 Ländern gestiegen. In Österreich waren es zuletzt 63 Fälle, gab Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Freitagabend bekannt. "Und die Zahlen steigen stetig." Die Situation habe sich verschärft, insbesondere im Iran, auch in Südkorea und in einigen Regionen Italiens.

Deshalb wird es zunächst keine Direktflüge mehr in den Iran, nach Südkorea und zu den norditalienischen Flughäfen Mailand und Bologna geben. Weiters wurden auch punktuelle Gesundheitschecks an den österreichisch-italienischen Grenzübergängen verfügt, kündigte Kurz an. Außerdem werden von Drittstaatsangehörigen, die aus bestimmten Gegenden Chinas, aus dem Iran und Südkorea einreisen wollen, Atteste von Ärzten verlangt, die bestätigen, dass der Betreffende keine Infektion mit dem Coronavirus hat, erläuterte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne).

Rascher Anstieg wird erwartet

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides sagte bereits zuvor, in den kommenden Wochen sei in den EU-Staaten mit einem raschen Anstieg der Fallzahlen zu rechnen. Dies werde zum Test für die Gesundheitssysteme in der EU. Sie appellierte an die Bürger, Hygienemaßnahmen einzuhalten, und dankte dem medizinischen Personal. Der leitende Notfall-Experte der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Mike Ryan, bezeichnet es als "falsche Hoffnung", dass das Virus wie eine Grippe im Sommer einfach so verschwinden werde.

Die meisten Erkrankten hierzulande sind in Wien und in Niederösterreich registriert worden. Allerdings mussten in Österreich aufgrund von Coronavirus-Fällen bzw. Verdachtsfällen mehrere Schulen geschlossen oder Klassen isoliert werden. Nur im Burgenland gab es noch keinen Covid-19-Fall. Die AUVA hat am Freitag auf die gestiegenen Infektionen mit dem Coronavirus und damit einhergehender Engpässe im Spitalsbereich reagiert. Erste Operationstermine, bei denen keine Dringlichkeit gegeben ist, wurden abgesagt.

Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft

Unterdessen werden die Auswirkungen des Virus auf die heimische Wirtschaft größer. Besonders leiden die Luftfahrt sowie die Gastronomie und die Hotellerie. Die AUA (Austria Airlines) hat sogar Kurzarbeit angekündigt, ein entsprechender Antrag beim AMS wurde eingereicht, sagte AUA-Sprecher Peter Thier zur APA. "Wir werden uns jetzt mit dem Betriebsrat zusammensetzen, um die Details für unsere 7.000 Mitarbeiter zu besprechen." Es müsse geklärt werden, welche Form der Kurzarbeit für welche Beschäftigungsgruppe sinnvoll sei. Die Bundesregierung will am Samstag "Unterstützungsmaßnahmen zur Absicherung der Arbeitsplätze und des Wirtschaftsstandortes" präsentieren.

Neben der heimischen Hotellerie registrieren auch die Gastronomiebetriebe deutliche Umsatzeinbußen. "Es trifft die Gastronomie eins zu eins wie die Hotels", sagte der Obmann des WKÖ-Fachverbands Gastronomie, Mario Pulker. Viele Betriebe würden einen "massiven Einbruch" verzeichnen. Besonders betroffen sind Restaurants und Gasthäuser mit normalerweise hoher Touristenfrequenz, Einheimische würden weiterhin gerne Essen gehen. Vor allem Gäste aus Asien, USA und Italien würden ausbleiben. "Momentan versuchen die Betriebe das durchzutauchen", so Pulker. Viele Gastrobetriebe würden nun auf Überstunden- und Urlaubsabbau setzen, um einen Personalabbau vorerst abzuwenden. "Jeder hofft, dass das Geschäft sich wieder erholt."

In Italien nahm die Zahl der Todesopfer und Infizierten weiter zu - von 148 auf 197, das sind 49 mehr als am Donnerstag. Die Zahl der Infizierten kletterte um 620 Fälle auf 3.916, sagte Italiens Zivilschutzchef Angelo Borrelli in Rom. 523 Personen sind inzwischen wieder genesen. Das Durchschnittsalter der Todesopfer lag bei 81 Jahren. Die Toten litten in fast 90 Prozent der Fälle bereits an einer oder an mehreren anderen Krankheiten. Unterdessen hat auch der Vatikan einen ersten Coronavirus-Fall vermeldet.

Die Niederlande meldeten den ersten Todesfall durch das neuartige Coronavirus. In Frankreich stieg die Zahl der Todesfälle durch das Virus auf neun. Zudem erhöhte sich die Gesamtzahl der dokumentierten Infektionsfälle nach Regierungsangaben auf 613. Das Robert-Koch-Institut (RKI) berichtete auf seiner Webseite von inzwischen 639 nachgewiesenen Fällen in Deutschland.

Im Kampf gegen das Coronavirus will die EU Italien mit medizinischem Material unterstützen. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) sagte vor einem zweiten Sondertreffen der EU-Gesundheitsminister am Freitag in Brüssel: "Die Situation in Italien wird für ganz Europa eine entscheidende." Die EU müsse gemeinsam vorgehen, "das Virus hält sich an keine Grenzen", so Anschober. "Österreich will einen starken Beitrag leisten." Die EU-Gesundheitsminister wollen bei dem Treffen zunächst von Italien wissen, welche Art der Unterstützung gewünscht werde, es könnte aber um Material im medizinischen Bereich gehen.

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat aufgerufen, Corona-Risikogebiete zu meiden. Die Grenzen in der Europäischen Union sollten aber offen bleiben. Deutsche sollen nun auch von nicht erforderlichen Reisen nach Südtirol absehen. Das Auswärtige Amt erweiterte entsprechende Reisehinweise für Italien. Südtirol reagierte mit Unverständnis auf die Einstufung als Coronavirus-Risikogebiet. Nach Angaben einer Sprecherin des Landeshauptmanns Arno Kompatscher hat Südtirol bisher nur zwei Infektionsfälle registriert. Spahn geriet in der EU erheblich unter Druck, weil er deutsche Exportbeschränkungen für Schutzkleidung bekanntgegeben hatte.

Israel riegelte am Freitag Bethlehem ab. Allen Israelis und Palästinensern sei es "verboten, die Stadt zu betreten oder zu verlassen", teilte das Verteidigungsministerium mit. Bethlehem war bereits am Donnerstag für zwei Wochen für Touristen gesperrt worden, nachdem in der Region sieben Infektionsfälle registriert worden waren. Im muslimischen Wallfahrtsort Mekka herrschte nahezu gespenstische Leere. Saudi-Arabien hatte wegen der Ausbreitung des Coronavirus alle Pilgerfahrten nach Mekka und Medina abgesagt. Im Irak fiel erstmals seit 17 Jahren die Freitagspredigt des obersten Schiitenführers aus.

Die Versorgung mit den wichtigsten Medikamenten ist trotz des Coronavirus-Ausbruchs weltweit nicht gefährdet. Dies gelte, obwohl viele Bestandteile in China hergestellt würden und die Produktion dort zeitweise unterbrochen war, beruhigte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf. "Die WHO arbeitet eng mit Industrieverbänden, Behörden und anderen Partnern zusammen, um die Risiken im Auge zu behalten, aber wir haben bisher keinen bevorstehenden spezifischen Mangel ausgemacht", betonte Tedros.(apa)