Derzeit werden vor allem Europa und die USA von der Corona-Krise heimgesucht. Doch ist die Pandemie wirklich ausschließlich ein Problem der reichen Länder? Hilfsorganisationen warnen, dass das Virus in den Krisengebieten dieser Welt ideale Umstände vorfindet - viele Menschen, dicht gedrängt auf einem Ort und ein marodes Gesundheitssystem. Wo Krieg, Hunger, Isolation und Naturkatastrophen herrschen, ergibt das in Verbindung mit dem Coronavirus eine potenziell fatale Mischung.

Idlib: Bürgerkrieg ebnet Weg für neues Desaster

Die Lage in der letzten syrischen Rebellen-Hochburg ist für die dort eingekesselten Zivilisten jetzt schon hoffnungslos. Die Truppen des syrischen Machthabers Bashar al-Assad wollen die Provinz um jeden Preis in ihre Hand bekommen, die Armee greift an, wann immer sie kann. In dem eingeschlossenen Gebiet haben Islamisten das Sagen, daneben gibt es türkische Stützpunkte. Drei Millionen Flüchtlinge vegetieren hier eng gedrängt vor sich hin, die medizinische Infrastruktur ist zerstört. Bei Luftangriffen werden immer wieder Spitäler getroffen und in Schutt und Asche gelegt. Die hygienischen Zustände sind mehr als unzureichend, die Menschen hausen in Zelten.

Offiziell ist in Idlib laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch kein einziger Mensch Sars-CoV-2 infiziert. Laut dem syrischen Gesundheitsministerium gibt es erst einen einzigen positiven Fall im Land: Einen 20-Jährigen, der das Virus von außen eingeschleppt haben soll. Diese Information ist anzuzweifeln, die Meldungen aus Damaskus bestehen nach neun Jahren Krieg zum Großteil aus Propaganda.

In Idlib selbst gibt es so gut wie keine Möglichkeiten, das Virus per Test nachzuweisen. Aktivisten der syrischen Hilfsorganisation Weißhelme sind in Idlib seit einigen Tagen in Schutzanzügen unterwegs und versuchen, kritische Gebäude wie Schulen zu desinfizieren.

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Die Hilfsorganisation Care teilt die Befürchtung, dass sich die Pandemie in Idlib rasend schnell verbreiten könnte. "Selbst hochentwickelte Industrieländer haben Schwierigkeiten, angemessen auf das Virus zu reagieren. Ein Ausbruch in Syrien wird verheerende Folgen für die vom Krieg geplagte Zivilbevölkerung haben", sagt Andrea Barschdorf-Hager, Geschäftsführerin von Care Österreich. Durch die Entscheidung der türkischen Regierung, den Export medizinischer Artikel wie Schutzmasken und Handschuhe zu verbieten, seien diese wichtigen Hilfsmittel Mangelware.

Gaza: Die Hälfte der Medikamente fehlt

Der Gazastreifen sei der "sicherste Ort" vor dem Coronavirus, meinte der palästinensische Aktivist Muhammad Smiry noch vor einer Woche - solange die Grenzen zu Israel und Ägypten geschlossen seien. Trotz Blockade beider Staaten waren die Übergänge zur Enklave am Mittelmeer nicht permanent zu. Und so machte das Virus auch nicht vor dem Gazastreifen halt: Zwei Palästinenser, sie kamen aus Pakistan und reisten über Ägypten ein, sind die ersten offiziellen Corona-Fälle.

Ausgerechnet Gaza, das ein großer politischer, wirtschaftlicher und sanitärer Krisenfall ist: Knapp zwei Millionen Bürger leben teils auf engstem Raum, die Krankheit würde sich womöglich rasend schnell ausbreiten. Auch stehen lediglich 3000 Spitalsbetten zur Verfügung. Zum Vergleich: Wien verfügt bei 100.000 Einwohnern weniger über fünfmal so viele Betten. Ganz abgesehen von der Ausrüstung der Krankenhäuser. In Gaza war hingegen selbst in Prä-Corona-Zeiten nur die Hälfte der benötigten Medikamente für die Bevölkerung erhältlich. Neben Arzneimitteln fehlen laut dem UN-Hilfswerk UNRWA auch Desinfektionsmittel und Schutzausrüstung für das medizinische Personal. Die WHO stellte 200 Corona-Testskits zur Verfügung, Katar bietet dem Gazastreifen 150 Millionen Dollar Hilfe an.

Wenn das Gesundheitssystem in Gaza kollabiert, könnten tausende Palästinenser versuchen, nach Israel zu gelangen, warnt die "Jerusalem Post". Das will Premier Benjamin Netanjahu unbedingt verhindern. In den vergangenen Monaten haben seine Regierung und die im Gazastreifen regierende radikal-sunnitische Hamas intensiv über ein Waffenstillstandsabkommen verhandelt. Möglicherweise finden die Feinde nun ausgerechnet in der Corona-Krise zu einem Kompromiss.

Griechenland: Fatale Folgen in den Lagern

Abstand halten und regelmäßig Hände waschen, das ist Illusion in den griechischen Flüchtlingslagern. 40.700 Personen leben in den Camps auf Samos, Kos, Leros, Chios und Lesbos, vorgesehen sind dort aber nur 7000 Plätze. Auf letztgenannter Insel gibt es bereits Corona-Fälle, jedoch nicht im dortigen Lager Moria, in dem alleine sich 20.000 Menschen aufhalten. Ein Virusausbruch hätte fatale Folgen.

"Falls die EU scheitert, unverzüglich zu handeln, wird die Situation auf den griechischen Inseln nicht zu beherrschen sein, mit dem Risiko vieler Toter", schreibt der Vorsitzende des Innenausschusses des Europaparlaments, Juan Fernando López Aguilar, an Janez Lenarcic, EU-Kommissar für Krisenmanagement. Der Abgeordnete fordert, dass über 60-Jährige sowie Personen mit Atemproblemen, Diabetes und anderen Krankheiten, die zu schwerwiegenden Symptomen führen könnten, aus den Lagern evakuiert werden. Doch selbst die Aufnahme von 1500 Minderjährigen, auf die sich mehrere EU-Staaten - Österreich ist nicht darunter - geeinigt haben, verzögert sich.

Auch am griechischen Festland ist die Lage angespannt. Sparzwang und Entlassungen infolge der jahrelangen Schuldenkrise haben das Gesundheitssystem arg geschwächt. Tausende Ärzte wanderten in andere Länder aus. Mehr als 600 Personen haben sich bisher infiziert, seit Montag ist eine landesweite Ausgangssperre in Kraft.

Heuschrecken-Plage: So schlimm wie vor 70 Jahren

Als wäre dem nicht genug, hat sich in der Krisenregion Ostafrika in den vergangenen Woche eine Katastrophe angebahnt, die nicht nur Assoziationen an die Bibel weckt, sondern tatsächlich biblische Ausmaße annehmen könnte: Eine Heuschreckeninvasion hat sich, von der Arabischen Halbinsel kommend, in Kenia, Somalia, Äthiopien und anderen Staaten ausgebreitet. Und zwar eine mit gewaltigen Ausmaßen: Im Norden Kenias beispielsweise ist an manchen Orten der Boden derart mit den grünen Heuschrecken bedeckt, dass sogar Erinnerungen an eine saftige Steppenlandschaft aufkommen - zumindest, solange man nicht näher an den Schwarm mit den bis zu neun Zentimeter langen Tieren herantritt.

Die Heuschreckenplage gilt als die schlimmste seit mehr als 70 Jahren: Ein Schwarm kann an einem Tag potenziell so viel vertilgen wie 35.000 Menschen. Entsprechend kahlgefressen ist die von der Plage heimgesuchte Landschaft.

Die anstehende Regenzeit bietet den derzeit noch jungen Schwärmen, die in den kommenden Wochen in die Luft steigen und auch Eier legen werden, ideale Brutbedingungen. Sie könnten sich auch noch weiter ausbreiten, etwa in die Krisenregion Südsudan. Für Ostafrika ist das keine gute Nachricht - schon allein deshalb, weil nun auch noch die Bedrohung durch das Coronavirus hinzukommt.

Zwar scheint Afrika mit unter 1000 Infizierten bisher von dieser Krise kaum betroffen zu sein. Doch die Zahlen könnten täuschen: Viele Länder verfügen nicht über die nötige medizinische Infrastruktur, um Verdachtsfälle systematisch zu testen. Die Dunkelziffer könnte also um einiges höher sein. Zwar werden Grenzen geschlossen, Reisende kontrolliert und Versammlungen verboten. Die Gesundheitssysteme sind aber kaum für die Bekämpfung der Pandemie gerüstet. Auch die notwendigen Hygienemaßnahmen können von der Bevölkerung kaum eingehalten werden. Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Direktor der Weltgesundheitsorganisation WHO, warnte deshalb schon vor rund einer Woche, Afrika müsse sich "auf das Schlimmste vorbereiten".